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Christine Lavant: Das Wechselbälgchen.

Erzählung.
Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider.
Salzburg, Wien: Otto Müller, 1998.
124 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-7013-0983-3.

Link zur Leseprobe

Immer wieder gibt es literarische Werke, denen der Literaturbetrieb ungerechtfertigterweise viel zu lange jenen Rang vorenthält, der ihnen gebührt. Die Gründe hierfür sind ganz unterschiedlich. Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" beispielsweise benötigte Jahrzehnte, bis ihn endlich das breite Publikum als hellsichtigste Darstellung jener intellektuellen, emotionalen, moralischen, politischen, sozialen und künstlerischen Befindlichkeiten würdigte, die die vielfache innere Gebrochenheit des modernen Zeitalters prägen.

Im Falle von Christine Lavants "Das Wechselbälgchen" ist es keine damit vergleichbare Komplexität der dichterischen Gestaltung, die die Rezeption des Textes seit seiner mutmaßlichen Entstehung in den späteren vierziger Jahren unseres Jahrhunderts bisher verhindert hat. Man wäre versucht zu sagen: ganz im Gegenteil, wenn mit einer derartigen Phrase nicht gleich ein Vorurteil unterstützt würde, das der Prosa Lavants anhaftet und besagt: diese könne neben der bedeutenden Lyrik der Dichterin nicht im mindesten bestehen, sei inhaltlich trivial und stilistisch ein Ärgernis. Mit solchen Oberflächlichkeiten ist nun aber endgültig aufzuräumen, und es läßt sich zu dem Zweck kaum ein besseres Beispiel wünschen, als eben das vorliegende Büchlein, das der Otto Müller Verlag gerade noch rechtzeitig im Laufe des Gedenkjahres anläßlich des 25. Todestags Christine Lavants herausgebracht hat.

Die bis vor kurzem als verschollen geltende, in Wahrheit in privaten und Verlagsarchiven einfach in Vergessenheit geratene Erzählung versetzt ihre Leser ohne Umschweife in eine ländliche Zwischenkriegswelt, die - zumindest literaturgeschichtlich betrachtet - praktisch unbekannt ist, zugleich verdrängt und ignoriert von einer idyllisierenden Blut- und Bodendichtung. Lavant zeichnet die Mägde, Knechte, Keuschler, Weiddirnen, Bauern, Pfarrer, Kinder und Kleinstbürger von einem Standpunkt unmittelbarster Betroffenheit aus, die man im allgemeinen erst in den Siebzigern an Anti-Heimat-Literaten wie Josef Winkler zu bewundern bereit war. Es geht um ein uneheliches, geistig zurückgebliebenes Mädchen, dem die abergläubischen Leute nachsagen, es sei der einäugigen Mutter bei der Geburt vom Teufel und seinen Helfershelfern untergeschoben worden. Zitha heißt das Kind, kann nicht sprechen, sondern höchstens ein paar Laute stammeln, die wie "Um!" (S. 21) oder "Ibillimutter" (S. 32) klingen. Das müßte eigentlich gut in eine Gesellschaft passen, die - isoliert und als ganze an den Rand der Zivilisation verbannt - sich selber kirre macht mit Zaubersprüchen, Verwünschungen, einem animistischen Naturverständnis, katholischen Riten und Glauben an Gespenster und Wiedergänger. Dennoch verheddert sich Zithas Schicksalfaden unweigerlich in den fatalen Mechanismen, denen ein in sozialen und (sexual)moralischen Dingen so widersprüchlich und hierarchisch organisiertes Gefüge wie das geschilderte unterliegt.

Es ist bemerkenswert, wie genau, sensibel, mitunter ironisch Christine Lavant formuliert, ohne jemals irgendeine der Figuren zu denunzieren. Sie kennt deren Sprache mit ihrer eigentümlichen Idiomatik bis in die alltäglichsten, scheinbar selbstverständlichsten Wendungen und ist in der Lage, sie nicht nur in den Dialogpartien authentisch einzusetzen, sondern auch für den Erzählertext zu funktionalisieren: "Die darstellende Perspektive und die Nachempfindung der Perspektive einer Figur/Person sind oft ineinsgesetzt." - so die beiden Herausgeberinnen, die dem Buch insgesamt mit Hilfe eines aufschlußreichen Glossars und eines knappen, aber informativen und anregend zu lesenden editorischen Anhangs außerordentlich dienlich gewesen sind.

Arno Rußegger
6. November 1998

 

 

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