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Jakov Lind: Im Gegenwind.

Aus dem Englischen von Jacqueline Csuss und Jakov Lind.
Wien: Picus, 1997.
(Österreichische Exilbibliothek. Hrsg. v. Ursula Seeber)
215 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-85452-410-2.

Link zur Leseprobe

Bei der Lektüre einer Autobiographie stellt sich automatisch die Frage, was im Leben des Verfassers so außergewöhnlich gewesen ist, daß es außer der betroffenen Person selbst noch ein Lesepublikum interessieren soll. Im Falle von Jakov Lind ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Schließlich ist seine Autobiographie auf drei Bände verteilt (der vorliegende und letzte endet etwa Ende der 60er Jahre, es könnte also durchaus ein vierter Teil folgen), und er begann weniger aus innerem Drang, sondern aufgrund eines Auftrages mit ihrer Niederschrift. Man darf nicht ungerecht sein, aber die außergewöhnlichen Dinge ereigneten sich eher in den Lebensjahren des Autors, welche den Schwerpunkt der ersten beiden Bände bilden.

Der dritte Band hingegen kann nicht recht fesseln: Lind erzählt von seinen Londoner Jahren, vom Beginn seiner schriftstellerischen Karriere und deren negativen Auswirkungen auf seine Lebensweise und seinen Charakter, von seiner Zeit in Amerika und vor allem von drei Schwerpunkten, die nicht voneinander zu trennen sind: einmal ist es des Dichters problematisches Verhältnis zur deutschen Sprache und zur Sprache allgemein, weiters die ihn auf unterschiedlichste Weise beschäftigende Frage nach den Ursachen und Gründen für den unfaßbaren Holocaust und - sein fast süchtiges Verlangen nach sexuellen Beziehungen zu Frauen.

Neben den ausführlichen Darstellungen von Linds Ansichten zu Polygamie, freier Sexualität oder Drogenkonsum kommen die Begegnungen mit Schriftstellerkollegen wie etwa Erich Fried, Elias Canetti oder Hilde Spiel zu kurz. Gerne stellt Lind sich als schlechten Charakter dar, der ohne die feste Hand seiner (später geschiedenen) Frau gar nicht zurecht gekommen wäre - und unterläßt dabei, unterhaltsame Episoden, wie die Begegnung mit den verrückten Hochstaplern Pjotr Rawicz oder Ravi Sahavi breiteren Raum zu geben. Des Dichters Nöte mit der Damenwelt gehen der Leserin irgendwann auf die Nerven, da auch hier die Autobiographie zu sehr auf dem Niveau der Selbstbezichtigungen hängen bleibt.

Dennoch gibt es auch viele wichtige Momente, wie etwa die treffende Beschreibung der unterschiedlichen Mentalitäten der Amerikaner, Engländer oder Holländer; in solchen Momenten weiß man, daß Lind eigentlich mehr zu sagen hätte, als er in diesem Band tut.

Eva Reichmann
27. Jänner 1998

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