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Birgit Müller-Wieland: Das neapolitanische Bett.

Roman.
Berlin: Wagenbach Verlag, 2005.
236 S., brosch., EUR(A) 12,30.
ISBN 3-8031-2522-7.

Link zur Leseprobe

"Oben der Krater karg und kahl wie zu erwarten schauten wir / kurzatmig ins Land hinein Kyme Herculaneum Pompeji / verschwimmende Städte in dicker Luft die oben war" - bereits in ihrem 2002 bei Haymon erschienen Gedichtband "Ruhig Blut" wird die Faszination, die vom Vesuv und seinem Umland auf die in Berlin lebende gebürtige Oberösterreicherin Birgit Müller-Wieland ausgeht, deutlich. Hier spielt auch ihr Debutroman, der mit viel Lokalkolorit und Ortskundigkeit gut in das stark nach Italien ausgerichtete Programm des Wagenbach Verlages passt.

"Als der Schuß fiel, den niemand hören konnte, der über die Piazza schlenderte oder den Geschäften und Verabredungen des frühen Abends entgegeneilte ..." Der erste Satz des Prologs beginnt mit dem Schluss wie ein analytisches Drama. Eine archaische Form also, passend zur Umgebung und suggerierend, dass was geschildert wird, eine alte Geschichte sei.
Bei dem Roman handelt es sich nur vordergründig um eine spannende Kriminalgeschichte im Milieu der neapolitanischen Camorra, letztlich legt Müller-Wieland nahe, die Camorra sei überall.

Im Mittelpunkt steht ein Hotel namens Navicella. Auf Italienisch meint das einen Korb, "navicella spaziale" bezeichnet eine Raumkapsel. Dieser Korb - die Assoziation mit dem Korb des Mose, für den die hebräische Bibel dasselbe Wort wie für Arche verwendet, drängt sich auf - ist das Zuhause der vier Hauptpersonen, die allesamt irgendwie auf der Flucht hier unter einem gemeinsamen Dach leben. Es sind Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat, die aus Diktatur, Armut, gewalttätigen Unterdrückungsmechanismen Zuflucht suchen. Padrone ist Signor Ignazio, ihm zur Seite stehen die drei Hausangestellten Assunta, Concetta und Bianca, sie alle haben in diesem Haus eine neue Identität angenommen. Überhaupt geht es im Leben der Protagonisten recht wild zu. Da gibt es neben den schon erwähnten Personen eine Pasticceria-Besitzerin im Rollstuhl, die davor als Politikergattin eine Affäre mit einem Mafioso hatte, eine Journalistin, die eigentlich keine ist, einen Kriminellen, der Weihnachtsdekorationen verkauft, eine Mutter, die eine Camorra-Familie leitet usf.. Es könnte jemand einwenden, das sei alles ein wenig zu viel des Guten, wäre da nicht Signor Ingnazio, von dem es heißt "Die eine Hälfte saß in Neapel. / / Die andere an einem Tisch in Lemberg." Ignazio alias Lucio alias Ombra alias Ignaz Schweiger ist das Kind eines jüdischen Lehrers, Wehrmachtssoldat, Mitglied und später Opfer der Camorra, er bietet mit seiner abenteuerlichen Geschichte Birgit Müller-Wieland die Möglichkeit, einen Zusammenhang zwischen historischen und gegenwärtigen Fluchtbewegungen aufzuzeigen. Dieser Versuch, Gemeinsamkeiten zwischen den durch die Zeitläufte erzwungenen oder auch selbst gewählten Verwandlungen und Identitätswechseln der Kriegsgeneration in Europa und gegenwärtigen Vorgängen nachzuzeichnen, scheint mir allemal bemerkenswert.

Birgit Müller-Wieland hat für ihre bisherigen Bücher, den Erzählband "Die Farbensucherin" und den erwähnten Band mit Gedichten durchwegs gute Kritiken erhalten. Vor allem werden ihre kühne Metaphorik und ein ihr eigener Ton gelobt. Auch der Erstlingsroman ist sprachlich interessant. Überzeugend schildert Müller-Wieland etwa, wie Ignazio nach und nach von seiner deutschsprachigen Identität eingeholt wird. Immer wieder erreicht der Roman eine geradezu lyrische Dichte. Die vielen kursiven Hervorhebungen, die vermutlich auf Bedeutungen aufmerksam machen wollen, kommen vielleicht nicht nur bei mir als etwas unnötige Didaktik an, aber wer Freude an literarischen Anspielungen hat, wird von Vergil über Dante bis in die italienische Literatur der Gegenwart fündig werden. Wirklich schade, dass das Lektorat auch Sätze wie diesen durchgehen ließ: "Assunta, Bianca, Concetta klebten ihre Blicke an seinen Rücken."

 

Helmut Sturm
16. November 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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