logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Tausend Tränen tief – Wenn Katharsis schon nicht klappt, Rührung geht immer | Eine Kooperation von Literaturhaus Wien und schule für dichtung


Tausend Tränen tief

Johannes Ullmaier, Foto: Andy Urban

Anneliese Mackintosh, Foto: privat

Jochen Distelmeyer, Foto: Sven Sindt

Fr, 14.10 bis Sa, 15.10.2016

Festival | Lectures | Lesungen | Performances | Musik

Seit Pierre Bourdieu wissen wir, dass es die „kleinen Unterschiede“ sind, die soziale Hierarchien erzeugen: vergossene Tränen ob einer Tragödie zeugen von der sittlichen Größe des Erschütterten, ein Tränenfluss aus sentimentaler Rührung hingegen wird oft als mangelnde Selbstkontrolle denunziert. Sogar im Schmerz gilt es, Fassung zu bewahren. Allein die von der eigenen Körperlichkeit und vom Ich abgehobenen „hehren“ Tränen sind gesellschaftlich toleriert, und als selbstverständlich gilt das Weinen nur bei Begräbnissen.
Selbst die Hierarchie der Geschlechter zementiert sich bis heute im Reich der Tränen: ein weinender Mann gilt nicht selten noch immer als Waschlappen, während eine gewaltige Soap-Industrie Frauen auf affektgesteuerte Kitsch-Konsumentinnen zu reduzieren trachtet.
1999 klagte der Kulturwissenschaftler Tom Lutz in seiner Studie Tränen vergießen. Über die Kunst zu weinen darüber, dass sich kein akademisches Feld dem Studium der Tränen widme und es keine Lamentologie oder Lacrimologie, somit keine Wissenschaft der Tränen gebe. Eine solche werden wir auch mit unserem Festival nicht etablieren können, aber die richtigen Fragen stellen und literarische Haltungen zur nässenden Grenzüberschreitung des Körpers vorstellen – das wollen wir schon. Denn wie kommt es, dass auch jeder Sentimentalität abholde Zeitgenoss/inn/en bei Nick Cave oder Amy Winehouse gelegentlich ein Tränlein vergießen, dieselben Leute aber das literarische Erzeugen psychophysiologischer Rührungsaffekte verachten? Wer oder was ermächtigt die Instanzen zwischen billigem Sentiment und legitimer Betroffenheit zu unterscheiden? Wie eskapistisch dürfen Emotionen sein, ohne sogleich unter Kitsch-Verdacht zu geraten?
Nur das noch: Knapp 200 Jahre vor Bourdieu schrieb Johann Gottfried Herder: „Kunst ist nur dann humanisierend, wenn die Evokation von Empfindung keine Standesschranken kennt.“ Das möchten wir gern auch heute noch unterschreiben. Fritz Ostermayer (künstlerischer Leiter der schule für dichtung und Kurator von Tausend Tränen tief)

Fr, 14.10.2016
18.00 Uhr
Begrüßung: Robert Huez (Literaturhaus Wien)
Grußworte: Thomas Drozda (Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien), Jörg Neumayer (Abgeordneter zum Wiener Landtag und Gemeinderat) 
Eröffnung: Fritz Ostermayer

18.30 Uhr
Johannes Ullmaier (Mainz) – Lecture
Bereits zum dritten Mal wird der Literaturwissenschaftler unseres Vertrauens mit seinem Eröffnungsvortrag uns Augen und Ohren übergehen lassen. Am Ende werden wir womöglich auch erfahren haben, wie sich die aristotelische Katharsis von Jammer (éleos) und Schrecken (phóbos) in heutigen Arzt-TV-Serien und Splattermovies widerspiegeln.

19.30 Uhr
Anneliese Mackintosh (Cornwall) – Lesung & Gespräch
Die junge britische Autorin setzt in ihrem Debüt Any Other Mouth (Gretas Stories, Aufbau, 2016) auf Effekte der Überrumpelung, doch im Exzess dieses überwiegend autobiografischen Seelenstripteases wird man von großer Ergriffenheit heimgesucht. "Eines der traurigsten und tröstlichsten Bücher, die ich seit Ewigkeiten gelesen habe. Ich musste weinen", so Dough Johnstone im Independent.
Gesprächsdolmetschung: Andrea Jaidane

20.30 Uhr
Jochen Distelmeyer (Hamburg) – Lesung & Musik
"In mir, tausend Tränen tief, erklingt ein altes Lied, es könnte viel bedeuten." Auf dem Blumfeld-Album Old Nobody findet sich der dem Festival den Namen gebende Song Tausend Tränen tief. Jochen wird Texte (Bücher, Songs) lesen, die ihn berühren und den Abend mit eigenem Liedgut ausklingen lassen.

Johannes Ullmaier, geb. 1968, arbeitet an der Uni Mainz; Mitgründer und -herausgeber der Zeitschrift testcard; Buchveröffentlichungen: Yvan Golls Gedicht Paris brennt (1995); Pop shoot Pop (1995); Kulturwissenschaft im Zeichen der Moderne (2001); Von Acid nach Adlon und zurück. Eine Reise durch die deutschsprachige Popliteratur; Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit (Hg., Suhrkamp, 2007).
Anneliese Mackintosh ist Absolventin der Universität von Nottingham und hat einen Master in Creative Writing. 2012 war sie auf der Shortlist des Bridport Short Story Prize. Mackintosh ist Mitgründerin von "Words Per Minute" (Wörter pro Minute), der beliebtesten literarischen Clubnight in Schottland. Sie lebt in Manchester. So bin ich nicht ist ihr erstes Buch auf Deutsch. Es war unter den Best Books 2014 in The Guardian, The Herald und The Scotsman und gewann den Green Carnation Prize. Mehr zur Autorin unter www.anneliesemackintosh.com

Jochen Distelmeyer, geb. 1967 in Bielefeld, ist Musiker, Komponist und Schriftsteller und wurde als Sänger und Gitarrist der Popband Blumfeld bekannt, die 1990 zusammen mit Andre Rattay und Eike Bohlken in Hamburg gründete. Nach den Alben Ich-Maschine (1992), L’état et moi (1994), Old Nobody (1999), Testament der Angst (2001), Die Welt ist schön (2002), Jenseits von Jedem (2003), Verbotene Früchte (2006) löste sich die Band auf. 2009 erschien Jochen Distelmeyers erstes Solo-Album Heavy , nach einem Live-Album (Einfach so, 2010) kam Anfang dieses Jahres Songs From The Bottom Vol. 1, ein Album mit englischsprachigen Coverversionen, heraus. Mit Otis veröffentlichte Distelmeyer, dessen Songtexte aufgrund ihrer dichterischen Qualität auch in literarischen Kreisen vielfach rezipiert und interpretiert wurden, seinen viel beachteten Debüt-Roman im Rowohlt Verlag. http://jochendistelmeyer.de/

(Eine Kooperation von Literaturhaus Wien und schule für dichtung)


Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Verleihung des Erich Fried Preises 2020 an Esther Kinsky - VERSCHOBEN AUF DAS FRÜHJAHR 2021

So, 29.11.2020, 11.00 Uhr Die Veranstaltung wird aufgrund der neuen Verordnungen abgesagt. Ein...

Nahaufnahme – Österreichische Autor/inn/en im Gespräch: Barbi Markovic - VERSCHOBEN AUF 2021

Mi, 02.12.2020, 19.00 Uhr Lesung & Gespräch Die Veranstaltung wird aufgrund der neuen...

Ausstellung
Claudia Bitter – Die Sprache der Dinge

14.09.2020 bis 25.02.2021 Seit rund 15 Jahren ist die Autorin Claudia Bitter auch bildnerisch...

Tipp
LITERATUR FINDET STATT

Eigentlich hätte der jährlich erscheinende Katalog "DIE LITERATUR der österreichischen Kunst-,...