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Felix Mitterer: Die Beichte.

Theaterstück.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2004.
76 S.; brosch.; Eur[A] 10,-.
ISBN 3-85218-461-4.

Link zur Leseprobe

"Meerstern, ich dich grüße", singt der kleine Martin in Felix Mitterers neuem Stück "Die Beichte". Der Morgenstern ist gemeint, der so heißt, weil er am Morgen als letzter erlischt und als Orientierungshilfe zu einem Symbol für die Gottesmutter einsteht.

Mitterer baut in seiner bekannten packenden Art ein Drama der Metonymien. Rund um die Abwesenheit der Frauen und Mütter entwickeln sich im Klosterinternat ungesunde Strukturen, die auf Vertrauensbruch und Verrat basieren. Ausgehend von den Missbrauchs-Aufdeckungen in kirchlich geführten Kinder- und Schülerheimen in seiner Wahlheimat Irland beschäftigte sich Mitterer mit einem brisanten Thema, das sich wenige Monate nach der Entstehung auch für Österreich als hochaktuell zeigte.

Am Schauplatz des Beichtstuhls verkehren sich scheinbar die Tatsachen, so wie die Verdrehungen im Opfer- und Täterbereich im emotionalen Empfinden tendenziell in ihren Grenzen verschwimmen.
Mit wenigen einfachen Kunstgriffen hat Mitterer ein packendes Stück gebaut, das aus drei Personen verschiedener Generationen besteht: Pater Eberhard ist der 80jährige Priester, Ordensbruder und frühere Heimleiter, Martin, sein mittlerweile 50jähriger ehemaliger Zögling und Sebastian dessen 10jähriger Sohn. Im Beichtstuhl gesteht Martin dem ehemaligen Vertrauten seine Suizidgedanken und das Vorhaben, den Sohn mit in den Tod zu nehmen. Die innere Not und Enge, die sich aus dem diffusen Identitätsbild entwickelt hat, lässt scheinbar keinen anderen Ausweg.

In zeitlichen Rückblenden voll dramaturgischer Spannung erzählt Mitterer die Geschichte von Martin, der als Knabe seine Eltern verloren hat und dessen unmittelbare Bezugsperson Pater Eberhard im klösterlichen Internat wird. Die engelsgleiche Stimme und die zarte Erscheinung des kleinen Martin attrahieren den Pater, der ihn fördert, zu seinem Lieblingsschüler macht und schließlich sexuell missbraucht. Das Geständnis des Knaben macht - entgegen der allgemeinen Annahme - die Situation nicht besser. Der Pater wird versetzt und Martin zum Gespött der Mitschüler und Lehrer. Auf seiner Suche nach Zuneigung wird ihm das gelernte Verhalten zum Verhängnis, auch auf seiner nächsten Station, einem Erziehungsheim, ist körperlicher Missbrauch Ersatz für emotionale Nähe und Geborgenheit.
Als erwachsener Mann ist Martin nicht in der Lage, seine Erfahrungen von Zuneigung auszudrücken ohne selbst physisch übergriffig zu werden. Der Suizid scheint der einzige Ausweg aus der Spirale der Übertragungen. Mitterer lässt sein Stück versöhnlich enden, der Pater bringt den Knaben Sebastian zur Mutter zurück, Martin bleibt allein.

Klischeehaft wirken die ersten Szenen des Texts. Holzschnittartig erscheint der Waisenknabe als Herbergssuchender, doch dann entwickelt sich eine hochdifferenzierte Analyse von menschlichen Bedürfnissen nach Liebe und Geborgenheit, die innerhalb der klerikalen Strukturen keinen Platz haben. Nicht Homosexualität, die erst recht wieder in den Bereich der Marginalisierung fällt, sondern Zärtlichkeit und Verbindlichkeit als Basis zur Entwicklung einer gesunden Persönlichkeitsstruktur thematisiert Mitterer.
Er zeigt die Kirche mit ihren menschenfeindlichen und unzeitgemäßen Zölibat-Vorschriften, die erwachsene Männer und Kinder in bittere Einsamkeit zwingt und Frauen als handelnde Personen ausgrenzt. Der kleine Sebastian wird schließlich zum Stellvertreter jenes gleichnamigen Märtyrers, der am Ende einer Kette beziehungsunfähig Gewordener von Pfeilen des menschlichen Versagens durchbohrt wird.

Zu Recht wurde diese feine dramatische Studie zum "Hörspiel des Jahres" gewählt; Bühnenaufführungen dieses heiklen Themas lassen anscheinend nach den delikaten Ereignissen der letzten Monate in Österreich noch auf sich warten.

 

Julia Danielczyk
10. November 2004

Originalbeitrag

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