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Leseprobe: Robert Menasse - "Das war Österreich"

Man kann alle österreichischen Phänomene nur verstehen, wenn man sich vor Augen hält, daß Österreich ein Museum ist. Gerade auch die Tatsache, daß das österreichische Staatsoberhaupt und ein Museumsdirektor demselben Anforderungsprofil genügen müssen: zum Beispiel Waldheim und der Direktor des Kunsthistorischen Museums Wilfried Seipel: Beide sind nicht über eine moderne Qualifikation definiert, sondern wesentlich über ihre Vergangenheit. Allerdings nicht über irgendeine Vergangenheit, sondern über eine solche, die dem österreichischen Geschichtsverständnis insgesamt entspricht. Das heißt, daß beide in der Vergangenheit möglicherweise nichts gemacht haben, wirklich nichts oder nichts wirklich, ausgenommen das, was alle gemacht haben. Wer will es ihnen also vorwerfen, zumal nichts bewiesen ist - es ist alles nur möglicherweise geschehen, und diese Auflösung der Geschichte in ein System von Möglichkeiten ist eben die österreichische Identität.

Nur in Österreich, unter den beschriebenen Voraussetzungen, ist es daher auch möglich, daß nicht nur das Kunstministerium, sondern sämtliche Ministerien mit kulturellen Belangen befaßt sind. Die Bundestheater, aber auch die Salzburger Festspiele unterstehen dem Finanzministerium. Im Mozartjahr 1996 trat selbst der Verkehrsminister als Dirigent auf. Das Außenministerium wiederum ist für Leihgaben und Versand österreichischer Exponate zuständig. Es organisiert etwa große Auslandstourneen der Lipizzaner, die daher von den österreichischen Zeitungen "unsere kulturellen Botschafter im Ausland" genannt werden. Für diese Botschafter ist allerdings gleichzeitig das Landwirtschaftsministerium zuständig. Und so weiter. Es gäbe noch unzählige Beispiele, die zeigen, daß die staatlichen Strukturen Österreichs der Logik eines Museums gehorchen, das die Größe eines ganzen Landes hat, unzählige Beispiele aus der Geschichte der Zweiten Republik, die deutlich machen, daß das Prinzip der österreichischen Politik die Kulturpolitik ist. Etwa die Tatsache, daß im Nachkriegswien in ganzen Bezirken abends der Strom abgeschaltet wurde, weil man den kontingentierten Strom zum Bespielen der Theater benötigte. Der Mann, der die Macht hatte, den Arbeitern abends in ihren Wohnungen den Strom abzuschalten, war natürlich der (übrigens kommunistische) Kulturstadtrat. Oder die Tatsache, daß der reproduzierenden Kunst bis heute der absolute Vorrang vor der produzierenden Kunst gegeben wird. Der Anteil der produzierenden Kunst am Kulturbudget beläuft sich in Promille, möglicherweise auch ein Hinweis darauf, warum die hier lebenden Künstler in der Mehrzahl Alkoholiker sind.

Es lohnt nicht, die Beispiele ins Unendliche fortzusetzen, im Grunde kann jedes österreichische Phänomen als Beleg dafür gelten, daß Österreich ein Museum ist. Bleibt nur die Frage, ob dieser Sachverhalt nicht in Widerspruch zur eingangs aufgestellten These steht, daß Österreich bereits in der Zukunft lebe.
Nun sind Widersprüche im sozialpartnerschaftlichen Österreich dazu da, um miteinander identisch zu werden. Außerdem ist dies nicht unbedingt ein Widerspruch. Die Zweite Republik ist der erste Staat der Welt, der, indem er sich zum Museum erklärte, dezidiert als kulturpolitisches Experiment gegründet wurde. Dies war zweifellos ein avantgardistischer Akt. Tatsächlich hat die Identität von Avantgardismus und Musealität nichts Überraschendes. Ein unzeitgemäßer, also hier jederzeit aktueller Denker, nämlich Walter Benjamin, hat einmal lapidar geschrieben: "Die Avantgarde ist ihrem Wesen nach konservativ."
Wie zwingend die welthistorische Tendenz der Verösterreicherung ist, kann man auch an der Geschichte der ehemaligen DDR ermessen. Staats- und wirtschaftspolitisch ist sie gescheitert. Aber unter der Hand, so unbeabsichtigt wie unaufhaltsam, hatte sich die DDR zu einem beeindruckenden kulturpolitischen Experiment gewandelt, nämlich zum größten Schriftstellerverband der Welt: Hunderttausende Menschen haben, unterstützt, ermuntert und gefördert von den Rahmenbedingungen dieses Staates, regelmäßig recherchiert, beobachtet und die dabei gemachten Erfahrungen zu Papier gebracht. Dies hat zu einem geistigen Klima in der DDR geführt, in dem literarische Meisterwerke entstehen konnten, wie z.B. Mutmaßungen über Jakob, Das dritte Buch über Achim, Nachdenken über Christa T. und andere, deren Titel schon anklingen lassen, was die Textstrukturen bestätigen: nämlich, daß sich diese Werke dem Prinzip des Stasi-Berichts verdanken. Vor allem die Gattung Roman hat ja von eher versucht, die Widersprüche, in denen sich ein Individuum befindet, einzukreisen und dingfest zu machen. Dabei ist es in der Regel so, daß Autor und Leser immer über mehr Informationen verfügen, als der literarische Held selbst. Wenn man dies bedenkt, wird man leicht verstehen, warum die gesellschaftliche Praxis, die in der DDR geherrscht hat, dem Romanschreiben neue genuine Möglichkeiten geradezu zwangsläufig erschließen mußte.
Politisch und wirtschaftlich war die DDR - und ist es jetzt unter dem Titel "Neue Bundesländer" erst recht - ein Museum ihrer selbst. Es entspricht nur der Logik der allgemeinen Entwicklung, daß ihre Industrieanlagen nicht modernisiert, sondern stillgelegt wurden. Aber die im Weltmaßstab avantgardistische Leistung der DDR, nämlich der Versuch, aus einem ganzen Staat einen Schriftstellerverband zumachen, wirkt, wie man deutlich sieht, heute weiter. Daß es das ist, was bleibt, nämlich die Konsequenzen eines kulturpolitischen Experiments auf der Basis einer weitgehenden Musealisierung des Landes, zeigt, daß die DRR zu Recht von hellsichtigen Menschen gerne als "Zweites Österreich" bezeichnet wurde.
Wenn dereinst die völlige Auflösung aller politischen Wirklichkeiten, wie sie gegenwärtig in der Welt stattfindet, zum Abschluß gekommen sein wird, dann wird über dem UNO-Hauptquartier in New York eine große Fahne wehen, die einen Doppeladler zeigt, als Symbol für die Doppelköpfigkeit der Welt, die dann als Ganze einerseits avantgardistisch, andererseits museal ist. Und dieser Doppeladler wird brüten auf einem Kuckucksei, auf dem geschrieben steht: A. E. I. O. U. (Austria Erit In Orbe UItima -Österreich wird in der Welt das letzte sein).
(S. 262 - 265)

© 2005, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags

 

 

 

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