logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Birgit Müller-Wieland: Ruhig Blut.

Gedichte.
Innsbruck: Haymon, 2002.
94 S., geb., Eur 12.40.
ISBN 3-85218-385-5.

Link zur Leseprobe

Gute Gedichte sind ein spannendes Paradoxon: Ihre Sprache ist so reich, so lebendig, so gelenkig und so blühend, aber wovon sie sprechen ist oft das Gegenteil: dunkel, beengend, todeslastig und traumatisch. Es ist das Unfaßbare, das Destruktive, das in eine möglichst vielschichtige Form gebracht werden muß. Die bei Haymon erschienene Gedichtsammlung der in Berlin lebenden Oberösterreicherin Birgit Müller-Wieland trägt den Titel "Ruhig Blut". Doch um zu so einer gelassenen Haltung zu gelangen, will ein weiter Weg zurückgelegt werden. Erst am Ende, im dritten Abschnitt, mit dem Titel "Einfach", findet sich ein gleichnamiges Gedicht, das ein Bild von purer und erfüllter Gegenwart zeichnet: "Tage und Nächte / wir tanzen wir klingen / wir leuchten in unserem Fleisch". Die vielen Gedichte vorher sind nicht dazu da, uns zu beruhigen. Im Raum steht eine schleichende Bedrohung: Vor uns sind bereits andere gestorben, auch unsere Zeit ist befristet. Auf der Welt gibt es keine sichere Heimat, keinen geschützten Ort. Alle diesbezüglichen Versuche decken die Gedichte als verlogene Idyllen auf. Das titelgebende Gedicht "Ruhig Blut" beginnt harmlos: "Ruhig Blut es / ist kein Räuber es // poltert doch nur / unser Engel [...] " - andererseits sagt man so etwas nicht auch, um Kinder zu beruhigen? Von welchem Engel ist hier eigentlich die Rede? Es ist, so wird mehr und mehr deutlich, der Todesengel da "stehen selbst / die letzten // Würmer / stramm".

Was die Gedichte von Müller-Wieland, die demnächst mit dem Priessnitz-Preis ausgezeichnet wird, vor allem auszeichnet, ist ihr Interesse an Konkretem. Trotz hoher subjektiver Aufladung verliert sie die Welt nie aus den kritischen Augen. Daß Müller-Wieland über Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" ihre Doktorarbeit geschrieben hat, klingt insofern nach, als so etwas wie ein Aufbegehren gegen verlogene Verhältnisse, sei es politisch, sei es privat, mitschwingt. Stets schiebt sich ein Stück Vergangenheit in die Gegenwart: "Mit hungrigen Händen / waschen wir unsere Himmel / hell biegt sich / Vergangenheit / bluthell uns zu".

Der Gedichtband ist in drei Zyklen mit unterschiedlichen Themen gegliedert - Teil eins: Elternhaus, Privates, Gedichte an eine Bildhauerin; Teil zwei: Orte, Landschaften, Reisen; Teil drei: Alltag, Liebe, Glück. Müller-Wieland liebt das Spiel mit Formen, jedes Gedicht sucht sich seinen eigenen Weg in die Sprache. Trotzdem sind es bei aller Sprachverliebtheit keine rein innerlichen oder gar hermetischen Rückzugsgedichte, die man hier findet. Sie bleiben bei aller Poetik so konkret und unsentimental wie möglich, zugleich so komplex wie das wirkliche Leben, wo es nur so wimmelt von Ungleichzeitigkeiten und Überschneidungen von eigentlich Unvereinbarem. Meist ist das Pathos schön unterkühlt, und um eine überraschende Wendung, die durchaus ironisch sein kann, ist sie auch nie verlegen. Ihre Stärke ist dieses Lapidare: plötzlich steht irgendwo ein Stolperstein. Es kann als Gedicht über Silvester beginnen: "Mit weichen Händen begraben wir das Jahr" - geht über das Ritual des Wünschens, um dann am Schluß überraschend, und ohne Ankündigung, bei einem anderen, noch offenen Grab zu enden "Tote Väter sterben nie". Gedichte, die so Haken schlagen, kann man ruhigen Blutes weiterempfehlen.

Karin Cerny
8. Oktober 2002

Originalbeitrag

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Junge LiteraturhausWerkstatt – online

Mi, 15.04.2020, 18.00–20.00 Uhr online-Schreibwerkstatt für 14- bis 20-Jährige Du schreibst? Du...

Super LeseClub mit Diana Köhle & David Samhaber - online

Mo, 20.04.2020, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Lesen ist deine...

Ausstellung
KEINE | ANGST vor der Angst

virtuelle Ausstellung 6. April bis 30. Juni 2020 www.erichfriedtage.com Besuchen Sie die...

Tipp
REANIMATION LAGEBEZEICHNUNG
flugschrift von Christian Steinbacher

Lediglich in Stichwörtern, ja so möchte sich eine besonnene Konzeptliteratur verwirklicht...

Incentives – Austrian Literature in Translation

mit neuen Beiträgen zu Marco Dinic, Raphaela Edelbauer, David Fuchs, Nadine Kegele, Angela Lehner,...