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Leseprobe: Anna Mitgtusch - "Familienfest"

Edna riß sich aus ihren Gedanken. So lagen die Dinge nun einmal, Fremde waren anhänglich geworden wie Töchter, und ihre eigenen Kinder blieben fern. Trotzdem sollte noch einmal Pessach gefeiert werden wie früher, und niemand außer Carol und Marvin sollte wissen, daß oben die gepackten Kisten und Koffer standen. Kurz vor sechs würden draußen die Autotüren schlagen, und die Glocke würde alle paar Minuten klingeln, und Edna würde über zellophanbedeckte Schüsseln hinweg die Wangen ihrer Gäste küssen, sie würde die Schüsseln und Weinflaschen aus ihren Händen entgegennehmen und in anerkennende Bewunderungsrufe ausbrechen, das sonst so stille Haus würde sich ein letztes Mal mit Lärm und Leben füllen, und sie würde für Augenblicke sogar das Fehlen ihrer Kinder vergessen und glücklich sein. Solange sie im Kreis ihrer Gäste saß und ihre Geschichten von früher erzählte, würde es ihr gelingen, nicht daran zu denken, zumindest nicht an diesem Abend, daß die Familie vor ihren Augen unablässig zerfiel und daß die Jüngeren aufgehört hatten, sich als verwandt und über alle Differenzen hinweg einander zugehörig zu betrachten.

Es sollte alles ein letztes Mal so sein wie früher in Dorchester, als sie und ihre drei Geschwister um den Tisch in der Küche mit den beschlagenen Fenstern saßen und Onkel Paul, noch jung und gesellig, der einzige Gast war, weil ihre Eltern und Paul die ersten Einwanderer einer Familie waren, die später diese Stadt und diesen Landstrich bevölkern sollten. Edna hatte außer dem Vater ihrer Mutter Bessie keine anderen Großeltern gekannt, und es war von ihnen auch nur selten die Rede gewesen. Mit ihrer Überfahrt aus Osteuropa hatten Paul und Bessie ihren sturen Willen zu überleben und einen pragmatischen Optimismus bewiesen, der sich ausschließlich auf die Zukunft richtete.

(S. 15f.)

© 2003, Luchterhand, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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