Frederic Morton: Das Zauberschiff.

Roman.
Aus dem Amerikanischen von Karl-Erwin Lichtenecker.
Wien, München: Deuticke, 2000.
303 S., geb.; öS 248.-.
ISBN 3-216-30469-8.

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1960 erschien im New Yorker Verlag Random House der Roman "The Witching Ship" von Frédéric Morton, in dem eine achttägige Atlantiküberquerung in den späten 30er Jahren vor allem aus der Perspektive des pubertierenden Leon Spiegelglass geschildert wird. Diesen Roman hat jetzt der Deuticke-Verlag in der Übersetzung von Karl-Erwin Lichtenecker als deutschsprachige Erstausgabe aufgelegt: Das ist schön von ihm, unbedingt notwendig war es allerdings nicht.

Morton, 1924 in Wien als Fritz Mandelbaum geboren, 1939 notgedrungen selbst via England in die USA emigriert und später mit "Die Rothschilds" international bekannt geworden, ist ein routinierter Erzähler. Immer wieder gruppiert er ein begrenztes Personeninventar zu unterschiedlichen Konstellationen, läßt oft merkwürdige, meist amouröse Allianzen entstehen und wieder zerbrechen. Die Mehrzahl der Figuren sind Emigranten, die auf dem Weg aus dem kollabierenden Europa in die Neue Welt wohl auf absehbare Zeit zum letzten Mal den Luxus eines Kreuzfahrtschiffes wie der Syngdam genießen werden. Sie erhoffen sich von ihren amerikanischen Mitreisenden zumindest Starthilfe im Exil, während diese eher auf unverbindliche Urlaubsbekanntschaften aus sind.

In all diesen Verwicklungen wären Morton beinahe einige recht interessante Figuren geglückt: Manche haben komisches Potential, manche abgründiges, einige beides. Die vielversprechenden Andeutungen und Skizzen bleiben allerdings wenig prägnant, auf die Ausführung wartet man während Dinners und Deckvergnügungen vergebens. In allzu seichtes Gewässer gerät Morton durch die Wahl seines Protagonisten: Aus der Perspektive des 19-jährigen Leon erscheint die Passage vollends als Abenteuer der Pubertät. Schließlich verliert Leon doch noch glücklich seine Jungmännlichkeit in einigen recht geschmäcklerisch beschriebenen Szenen an eine amerikanische Provinz-Professorin und erreicht den rettenden Hafen zum Manne gereift.

Rettung bedeutet der New Yorker Hafen in der Tat, sei es vor einem mittleren atlantischen Sturmtief oder einem nazideutschen U-Boot, die in etwa das gleiche Gefahrenpotential entfalten. Die existentielle Bedrohung der Emigrationssituation bleibt Fassade und auch als Tanz auf dem Vulkan wurde das Exil schon überzeugender geschildert.

Formal hält sich Morton, wie es sich für einen Gesellschaftsroman gehört, zurück: Er erzählt geschmeidig und locker chronologisch in Stationen und Episoden und als Zuckerl gönnt er uns hin und wieder "- bang! -" einen Geräuscheffekt.

Wie gesagt, kein notwendiges Buch also. Dieser Auffassung schien man im übrigen auch bei Deuticke gewesen zu sein, wo schon sorgfältiger übersetzte und lektorierte Bücher erschienen sind. Andererseits: Wer selbst eine längere Schiffsreise plant und fürchtet, sich arg zu langweilen, kann es ja mal einpacken.

Matthias Köpf
26. September 2000