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Wolfgang Marx: Die Essverwandtschaften.

Roman.
Bozen: edition sturzflüge, 2000.
216 S., geb.; 28.000 Lire (öS 220.-.).
ISBN 3-900949-36-0.

Link zur Leseprobe

Jede Zeit hat ihren Imperativ, mit dem die Zeitgenossen ihre Lektüre zu bewerkstelligen haben. Momentan heißt der Lese-Befehl in unseren Gegenden: Lies den Text mit der "Aufarbeitungs-Brille"!
Und da schau her, schon im Titel ist vermutlich ein Nazi-Hinweis versteckt, die "E-SS-Verwandtschaften", das gilt es gleich zu entlarven. Und später einmal gibt es deutlich den Aufarbeitungs-Satz zu lesen: "Warum muss ich von denen abstammen - und von denen, die sich einen sicheren Herrn Hitler und seine Verbrecherbande als Führer in die Hölle verschreiben mussten?" (S. 176)

Nein, das ist eine sinnlose Lesespur, der Roman "Die Essverwandtschaften" ist zwar ein Aufarbeitungsroman, aber er arbeitet jene Säfte auf, die den Körper hormonell völlig unintellektuell verstrahlen und ständig das Fleisch als Fleisch in den Vordergrund treten lassen.

In Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" geht es um jene absurde Situation, daß unten die Geschlechtsorgane sich längst verständigt haben und zu arbeiten beginnen, während oben der Kopf irgendwelche Bildungszitate und moralischen Sätze aus dem Mund wirft.
Wolfgang Marx setzt mit seiner Analyse an dieser ulkigen Situation ein. Während die alternden Protagonisten ihre letzten Säfte zusammenkramen und irgend etwas Pubertäres zu Ende träumen, reden sie sich wie in einem Kolloquium durch die hohle Philosophiegeschichte und tarnen ihre Wünsche mit Anleitungen zum Kochen und Essen.

Der Neumarkter Autor Wolfgang Marx, Jahrgang 1943, ist Professor für Psychologie an der Universität Zürich und hat einen unendlichen Zitatenschatz aus Wissenschaft und Alltag bereit, den er im Roman seinen Protagonisten gerne zur Verfügung stellt.
So gibt es im Roman "Die Essverwandtschaften" kaum eine Handlung, aber jede Menge Kalendersprüche. Es gibt offensichtlich keine Situation, in der der Mensch nicht einen guten Spruch bei der Hand hätte, und je intimer oder heikler die Mission ausfällt, umso spitzer wird die Mistgabel, mit der die Sätze aufgelegt werden.

Schon die vier Autoren Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Nikolaus Lenau, Arno Schmidt und Herbert Rosendorfer, die jeweils am Beginn der Kapitel zitiert werden, sind so etwas wie die vier Windrichtungen der Grund-Meinungen: absurd, biedermeierlich, verschnörkelt, südtirolerisch, könnte man auch mit anderen Worten sagen.
"Du hast gequatscht im Schlaf, mein Junge, ganz dicht an meinem Gesicht, die Wörter mit deinem Atem vermischt, sodass ich nicht wusste, sind es die Wörter, die so übel riechen oder ist es die in deinem Inneren verbrauchte Luft." (S. 149) - Wer mit so einer Analyse der Partnerin erwacht, braucht sich um die Potenz in den nächsten vierzehn Tagen keine Sorgen mehr zu machen!

In der Tat sind die Konversationen am Tisch, im Bett und in der Kalterer Landschaft ("Da drüben, das ist Tramin." (S. 192)) so angelegt, daß im Augenblick der größten körperlichen Erregung die Sprache abflacht bis ins germanistische Minus, während die schlaffsten Säcke das erigierteste Deutsch sprechen.
"Mir scheint, da ist einer beschäftigt, unser leeres Geschwätz in formvollendetes Schweigen zu übersetzen, meine Liebe." (S. 149) [...] (Eddie, eher verunsichert:) "In unserem Hause ersetzte die Familienbibel den abhanden gekommenen Fuss eines Nachtkästchens..." (S. 151)
Aus Goethes Edouard ist Eddie geworden, seine Angebetete (oder sollte man nicht sagen "Angemachte"?) heißt Mercedes, die nach der Automarke "Sternchen" genannt wird. Die Figuren fahren während der zweihundert Seiten von Nürnberg zum Kalterer See, aber das ist ihnen schon lästig wie übrigens jede Bewegung des Körpers, weshalb auch die diversen Geschlechtsverkehre in der Hauptsache im Kopf bewältigt werden, das spart Kalorien. Und deswegen ißt man ja auch - damit Ruhe ist im Körper.

Der Roman "Die Essverwandtschaften" zeigt in voller Ironie eine Gesellschaft, die ihre Hausaufgaben gemacht hat. Jeder kann mit jeder ein Schwätzchen halten, die Themen liegen in den diversen Anthologien herum, am Essen ist nichts auszusetzen, das Glück ist zumindest im Satzbau vorhanden. Letztlich gleicht alles einer eingefrorenen Reality-Show, die einmal am Tag für eine halbe Stunde auf Sendung geht. - Ein tolles Leseerlebnis, wo für den Leser genug Platz zur persönlichen Positionierung im gigantischen Bildungsgeschwätz bleibt.

Helmuth Schönauer
16. Oktober 2000

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