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Doris Mayer: VaterMorgana.

Roman.
Wien, München: Deuticke, 2001.
319 S., geb., öS 291.-.
ISBN 3-216-30571-6

Link zur Leseprobe

"VaterMorgana" beginnt furios mit der Geburt der Protagonistin Mercy Stanton, geborene Mercedes Schmitt. Witzig und temporeich werden wir in eine Geschichte eingeführt, deren Esprit mit dem zweiten von insgesamt fünf Kapiteln wie die Kohlensäure einer offenstehenden Cola-Flasche entweicht. Warum ich diese Cola trotzdem bis zur Neige getrunken habe, sei an das Ende der Besprechung gestellt.

"VaterMorgana" handelt von einem Mord, dessen Zeugin die kleine Tochter des Opfers ist. Von diesem Moment an mit Stummheit geschlagen, ändert sich ihr gesamtes Umfeld und somit auch der Hauptschauplatz des Romans. Der Leser übersiedelt mit Mercy von einer österreichischen Kleinstadtsiedlung ins metropolitane New York der 70er und 80er Jahre, wo sie unter der Obhut ihrer verwitweten Unternehmer-Großmutter und deren mexikanischer Haushaltshilfe Benita heranwächst. Rückblenden, Traumsequenzen und Parallelschauplätze in Österreich unterbrechen die Linearität von Mercys Entwicklungsgeschichte, die so gut wie kein Klischee auslässt. Reich und hübsch durchlebt sie ihre Kindheit mit Hund Jerry (weil sie die Zeichentrickserie "Tom und Jerry" über alles liebt) an ihrer Seite. Nach außen hin ist sie wohlbehütet und unbescholten, nur im Traum wird sie regelmäßig von der dunklen Vergangenheit rund um den Tod ihrer Mutter heimgesucht.

Währenddessen sitzt der vermeintlich unschuldig verurteilte Mörder ihrer Mutter, der junge Student und Sohn des Hausbesorgers, der auch noch Vater des ungeborenen Geschwisters Mercys sein soll, in Österreich seine Haftstrafe ab. Das Gefängnisleben wird detailreich geschildert, verrückte Zellkumpanen ebenso wie Organraub an den wehrlosen Häftlingen durch Knastdoktoren.
Die Zeit schreitet voran, Mercy wird erwachsen, beginnt zu malen, durchlebt ihre erste Liebe mit dem Vietnam-Verweigerer Ikarus, dessen illegales Dasein ein spektakuläres Ende findet (Nomen est omen, mehr sei hier nicht verraten). Voll Trauer und Schmerz wendet sie sich Alkohol und Drogen zu und kommt nur mit Hilfe Walters, eines Gesinnungsgenossen Ikarus', von der Sucht los. Dieser mutiert alsbald vom Gebärdensprachlehrer zum berühmten Theaterschriftsteller - ein Leben, das ihn denn auch nach Kalifornien an die Wiege des schnellen Geldes führt. Gemeinsam mit seinem ebenfalls stummen Bruder, einem Vietnamopfer, kehrt er nach einer enttäuschenden Ehe mit der Hauptdarstellerin seiner Ärzte-Seifenoper nach New York zurück und verliebt sich in Mercy, ohne dabei auf große Gegenliebe zu stoßen.

Vieler Nebenhandlungen kurzer Sinn: Mercy findet heraus, dass Briefe des Muttermörders ihre Großmutter an sie unterschlagen hat. Da sie fest von der Unschuld Jimis überzeugt ist, reist sie nach Wien, um ihn zu sehen und zu "retten". Dieser Wienbesuch bleibt nicht ohne dramatisches Ende. Mercy findet mit Hilfe eines Jugendfreundes ihren Vater, der seit der Trennung von ihrer Mutter in einer eheähnlichen Gemeinschaft mit einem Mann lebt. Die "Luftballonstimme" ihrer Träume ist für sie mit der Gestalt des Vaters deckungsgleich, der sich aufgrund der leisen Vorwürfe und Anschuldigungen mit dem Auto in den Abgrund stürzt. Nun also: Wer ist tatsächlich der Mörder? Natürlich Jimi, der mittlerweile durch gerichtliche Wiederaufnahme des Prozesses freigesprochen wurde. Er setzt sich nach Amerika ab, um letztendlich dort ein "gerechtes?" Ende zu finden.

Man liest "VaterMorgana" bis zum Ende im Glauben, dass der vielversprechende Anfang auf den nächsten Seiten eine Fortsetzung finde. Stattdessen wird man mit den abgründigsten Nebenschicksalen und -handlungen in die Irre geführt. Die Sprache treibt einen zu Beginn begierig von einer Zeile zur nächsten, um dann ihre Dynamik in der Aneinanderreihung von Elementarsätzen, in der sekundenstilhaften Beschreibung von Nebensächlichkeiten zu verschleudern. Die Freiheitsstatue als roter Faden der Geschichte (Mordinstrument und Symbolfigur im allerweitesten Sinne) ist auch der Ort, wo Mercy ihre Stimme wieder findet. Frei von den dunklen Schatten der Vergangenheit blickt sie nun einer Zukunft als erfolgreiche Künsterlin entgegen - und wir einer besseren Geschichte.

Claudia Holly
28. August 2001

 

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