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Anna Mitgutsch: Haus der Kindheit.

Roman.
München: Luchterhand, 2000.
333 S., geb.; DM 39,80.
ISBN 3-630-87064-3.

Leseprobe

Autorin

Österreich im Nationalsozialismus ist in der Literatur der "Nachgeborenen" zur Zeit ein wichtiges Thema. Neben Marlene Streeruwitz, Doris Mayer oder Norbert Gstrein publizierte im Frühjahr 2000 auch Anna Mitgutsch einen Roman, der Gedächtnis- und Aufarbeitungsprozesse in Zusammenhang mit dem Genozid an der jüdischen Bevölkerung darzustellen versucht.

Die Zentralfigur des Romans ist der Amerikaner Max Berman - Abkömmling einer jüdischen Emigrantenfamilie, der die Flucht aus dem nationalsozialistischen Österreich gerade noch rechtzeitig gelungen war. Mitgutsch geht das Problem der Emigration differenziert an und versucht sichtlich, Klischees zu vermeiden (was ihr trotzdem nicht immer gelingt).
Konträre Beispiele des Emigrantentums repräsentieren zum Beispiel die Eltern Max Bermans: der Vater ist fasziniert von New York und taucht in die Neue Welt ein; er verläßt schließlich die Familie, vor allem seine Frau, die stets Europäerin bleibt und den Verlust der alten Heimat bis an ihr Lebensende nicht verwinden kann. Als Symbol der Erinnerung an das erlittene Unrecht, an die verlorene Vergangenheit, die Ermordung der zurückgelassenen Verwandten pflanzt diese ihren Söhnen die Sehnsucht nach dem "Haus der Kindheit", dem Elternhaus in Österreich ein.
Auch anhand der drei Söhne zeigt Mitgutsch unterschiedliche Reaktionsmuster: der älteste wird Zionist und wandert nach Israel aus; der mittlere zerbricht psychisch und erkrankt an Schizophrenie; der jüngste, Max, wird erfolgreicher Innenarchitekt und akzeptiert Amerika als seine Heimat. Das Haus der Kindheit, das er nur aus den Beschwörungen der Mutter und verblaßten frühkindlichen Erinnerungen kennt, beschäftigt ihn dennoch - seine Rückkehr dorthin macht den Hauptteil des Buches aus.

In seinen frühen Fünzigern reist Max Berman erstmals in die österreichische Kleinstadt H. (inkonsequenterweise als einziger Ort nicht genauer bezeichnet) und leitet dort ein langwieriges Refundierungsverfahren ein. Nach erster Kontaktnahme mit Mitgliedern der dortigen jüdischen Gemeinde und vorsichtigen Recherchen zur Vergangenheit kehrt er nach New York zurück. Erst nach fast zwanzig Jahren führt das Verfahren zum gewünschten Ergebnis: Berman kann als rechtmäßiger Besitzer in das endlich leerstehende Haus einziehen. Der Bezug und die Renovierung des Hauses ist für ihn ein symbolischer Akt und nur temporär. Die Lebensgeschichten und -situationen der wenigen verbliebenen Juden, die er in H. kennenlernt, spiegeln die Defizite in der österreichischen Vergangenheitsbewältigung wider, die Verdrängungmechanismen auf Seiten der Täter, die Identitätsprobleme der Opfer.

Etwas einfallslos wendet die Autorin dann ein in der neuesten Aufarbeitungsliteratur etwas überstrapaziertes Motiv an, um auf die Kontinuität der Judenverfolgungen auch in früheren Zeiten hinzuweisen: Sie läßt Max eine Chronik des Judentums in H. verfassen; und sie läßt außerdem die Nachkommen der NS-Täter als junge Wissenschaftler den verdrängten Ereignissen nachspüren, um ihre "Erbschuld" abzuarbeiten. Die Umsetzung des Traumakonzeptes, das die Annahme einer Folgewirkung von Schuld und Verbrechen über mehrere Generationen hinweg impliziert, wirkt in dieser Konstellation etwas zu gewollt und konstruiert. Die Botschaft ist aber klar: es geht Mitgutsch unter anderem darum, die Notwendigkeit gegenwärtiger Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu zeigen.

In dem als Primärintention hervortretenden Aufklärungsdrang liegt zugleich eine Schwäche des Romans. Es wird darin belehrt, demonstriert, historisches Wissen vermittelt; jedes Element hat Aussage- und Beweiskraft innerhalb dieses Systems. Die Differenziertheit des gedanklichen Ansatzes, die man Anna Mitgutsch zweifellos zugestehen muß, kann zwar Voraussetzung, aber noch keine Garantie für literarische Qualität sein. Eine eigene, zwingende und mitreißende Dynamik des Erzählens (und für die Vermittlungsform der narrativen Fiktion hat sich die Autorin ja schließlich entschieden) kommt in diesem Buch nicht so richtig in Gang.

Christine Rigler
11. Juli 2000

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