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Sepp Mall: Landschaft mit Tieren unter Sträuchern hingeduckt.

Gedichte.
Innsbruck: Haymon, 1998.
75 S., geb.; öS 190.-.
ISBN 3-85218-264-6.

Link zur Leseprobe

Wenn die Dichter wüßten, wie oft Leser bloß deshalb nach einem Buch greifen, weil es einen sinnigen und sinnlichen Titel hat, würden manche vermutlich nur noch Titel schreiben.
Sepp Mall hat seinem Gedichtband den markanten und sich sofort ins Gehör einschleifenden Titel "Landschaft mit Tieren unter Sträuchern hingeduckt" mit jener Überzeugung gegeben, die laut Adorno das Verhältnis zwischen Mikro- und Makrokosmos, in diesem Fall also zwischen Titel und Text, steuern soll.
Der Titel drückt Fülle, Ordnung und Programm aus und wirkt in der Erinnerung länger als er realiter ist.

Was bei den Gedichten sofort ins Auge fällt, sind die Schrägstriche, die manchmal nach jeder Wortgruppe gesetzt sind und bereits rein optisch die Mallsche Textstruktur unverwechselbar fixieren. Die Schnittstellen sind raffiniert gewählt, verschaffen den Gedichten jeweils einen einzigartigen Atemzug, dienen als Verknüpfungspunkte für Assoziationssegmente des Lesers und bremsen einen etwaigen allzu schnellen Lesefluß.

Mit diesem Impetus der lyrischen Vernetzung, Verzögerung und Verknappung hat Sepp Mall fünf Gedichtzyklen ausgelegt, die thematisch Orte, Landschaften, Jahreszeiten, Stimmen und "blinde Hunde" streifen.
So entsteht bald einmal ein lokaler Kosmos, in dem sich täglich die Mühen des Alltags mit der Erkenntnis großer Gelassenheit reiben.

"Für sich zu sagen // Ich warte darauf / daß es leichter wird /
im Sonnenuntergang zu gehen / irgendwo draußen / dem Tag
zusehen / wie er sich abdreht / (über den Dächern) // für sich
zu sagen / es ist selbstverständlich" (S. 16).

Oft sind es kleine Abschweifungen vom eingeübten Blick, die die Dimensionen der Empfindungen erst in ein neues Licht rücken. Wenn etwa die Blumen am Bahngleis nur aus Versehen blühen, weil an dieser Stelle die Düse des Vertilgungswagens eine Pause machte. Oder wenn sich das lyrische Ich bückt, um zwischen den Rädern der Lkws die Heimat im richtigen Blickwinkel zu sehen.
Eine immer wiederkehrende Sehweise ist die in den Rückspiegel, in dem sich die Welt in die entgegengesetzte Richtung verflüchtigt. Die Menschen haben die Hände auf dem Rücken, oder schlimmer noch, sprechen etwas hinter dem Rücken von jemandem aus.

Dem Titel entsprechend tauchen immer wieder Tiere auf. Auf engstem Raum können sich ein Stilleben und ein ausgesperrter Hund in die Quere kommen, ohne Schaden anzurichten; mehr noch, das Erscheinen der Tiere wird jeweils zu einem Ritual, in dem sich "mächtige Schwingen und einsame Tiere" gegenüberstehen.
Nahtlos gehen Gedanken von Liebenden in Instinkte über, aus Bewegungen werden Reflexe; von allem Ballast befreit, geschieht nur noch das Notwendigste.

Sepp Mall entwickelt mit seinem Lebensmodell, in dem beileibe kein Platz für Streichelzoos oder Naturparks ist, ein Utopia des Alltags, in dem nicht nur das Schaf beim Wolf liegt, sondern die Erfüllung neben den Wünschen. Malls Gedichtband sollt darum nicht nur wegen seines Titels vom Leser geschätzt und benützt werden.

Helmuth Schönauer
17. März 1999

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