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Lisa Mayer: Auf den Dächern wird wieder getrommelt.

Gedichte.
Innsbruck: Haymon, 1999.
95 S., geb.; öS 168.-.
ISBN 3-85218-303-0.

Link zur Leseprobe

Als Lisa Mayer 1998 der Salzburger Lyrikpreis zugesprochen wurde, hieß es in der Begründung der Jury unter anderem: "Lisa Mayer verfügt über ein ausgeprägtes Gespür für Sprache, auf deren Zwischentöne sie zu hören versteht. Sie braucht keine großen Wörter, um ein vielfältiges Bild von Wirklichkeit entstehen zu lassen. [...] Wenn man in die Gedichte hineinhört, bemerkt man deren musikalischen Grundton."

Jetzt liegt ihr erstes Buch vor, und der Titel ist klug gewählt, weil er die Leser neugierig macht. "Auf den Dächern wird wieder getrommelt" läßt viele lyrische Nuancen der Deutung zu, vom scheinbar simplen Regen über Musik bis hin zu einer höheren Art der Kundgebung. Und dieses Anreißen von Mehrdeutigkeiten durch vorerst einfache, scheinbar leicht verständliche Sätze zieht sich durch alle Texte.

Der Gedichtband ist in acht Abschnitte gegliedert, die mit den Schlüsselwörtern Augenblick, Schlaf, Pochen der Zeit, Ort auf der Stirn, Meer, Zerbrechlichkeit, Ferne und Ende des Tages zusammengefaßt werden können.
Lisa Mayer verwendet eine einfache, beinahe prosaische Satzstruktur für das lyrische Protokollieren von Bildern. Aber diese Satzabläufe sind mit "lyrischen Top-Begriffen" ausgestattet, so daß sich jeweils eine interessante Spannung zwischen dem Erzählen und dem Klang des Erzählten auftut.
Im Gedicht "JETZT" etwa, das nichts Schwierigeres vorhat, als den scheinbar alltäglichen Augenblick festzulegen, werden zuerst einmal die Sinnesorgane zur Sprache gebracht, die für das Dokumentieren der Gegenwart notwendig sind. Diesen Organen - Auge, Fuß, Hand und Mund der Befragung - sind lyrische Klangträger wie Vogel, Strom, Baum, Himmel oder Nacht zugeordnet. Mit dieser Raffinesse, Sinnesorgane und Umgebung gleichzeitig zum Klingen zu bringen, entsteht aus einfachstem Material die größte Poesie.

Eine formale Sonderstellung nimmt der zweite Abschnitt ein, der zehn lyrische Briefe umfaßt. Unter dem Titel "Bisweilen hör ich im Schlaf ein Wort das wirft mich in deine Gegend" wird ein lyrisches Du in den Mittelpunkt gestellt, das sowohl einer konkreten Person als auch einem religiösen, psalmhaften transzendenten Gegenüber gelten kann.

Konkrete Zeiterscheinungen, Technik, Andeutungen auf die Gegenwart fehlen im Text vollends, lassen sich aber als imaginärer Kontext hinzudenken, wodurch die Gedichte einen rasanten, allgemein gültigen Drall erfahren. Gerade die Mehrdeutigkeit, die die einzelnen Zeilen aufwerten, suggerieren seltsamerweise das Gefühl, als seien die Texte ganz besonders eindeutig an den jeweiligen Leser mit seinen originären Mehrdeutigkeiten gerichtet.
Die Lektüre löst im Leser all jene Stimmungen aus, die Lyrik auslösen kann: Gelassenheit, Innigkeit und Transzendenz. "WIR TRETEN EIN / in diesen Augenblick / in die unvermeidlich / letzte Enge des Samenkorns [...]" (S. 23).

Helmuth Schönauer
4. Oktober 1999

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