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Felix Mitterer: Die Frau im Auto.

Ein Theaterstück.
Innsbruck: Haymon, 1998.
111 S., m. Abb., geb.; öS 168.-.
ISBN 3-85218-262-X.

Link zur Leseprobe

Felix Mitterer schreibt seine Theaterstücke aus Anlässen heraus. War es beim letzten, im Wiener Volkstheater uraufgeführten Stück "In der Löwengrube" die abenteuerliche Biografie des jüdischen Schauspielers Leo Reuß, der auf Schwejksche Art den Kampf mit dem Faschismus aufnahm, so erzählt Mitterer in seinem jüngsten Drama "Die Frau im Auto" erneut die Geschichte eines Widerstands. Wieder geht es darum, wie ein einzelner ganz allein gegen das gesamte System antritt. Eine moderne Märtyrerbiografie, wenn man so will.

Hedwig Lamprecht, das Zentrum des Geschehens, wird von ihrem Sohn Hermann auf die Straße gesetzt, aus dem Haus vertrieben, das sie nach dem Krieg eigenhändig erbaut hat. Ihr ein und alles. Es ist ein kalter Wintertag. Allein der "gute" Sohn Robert stellt seiner Mutter, die sich weigert, den Ort zu verlassen, sein Auto zur Verfügung. Dieses Auto wird zum Ort der Handlung, hier beginnt Hedwig ihren Hungerstreik, dem sie nach knapp einem Jahr, genau am Silverstertag, nach 199 Tagen, zum Opfer fallen wird. Hier tanzen alle Themen der Reihe nach auf, die Spießermoral der Hausbewohner, die Gewalt des "bösen" Sohnes gegen seine Frau, die korrupte Verlogenheit der Politiker, sowie die Macht der Medien.

Mitterer ist wohlbedacht, seine Figuren gut zu motivieren. Hedwig überquert mit ihrer bedingungslosen Konsequenz nicht selten die Grenzen zum Querolantentum. Angestiftet wird die alte Frau wiederum von einem "Sympathisanten", der konzeptlastigsten Figur des Stückes: Brandstätter vom Namen erweist sich als Brandstifter. Neo-faschistischen Gedanken zugetan, treibt er die Mutter und ihren Sohn in die Radikalität und überlagert deren persönliches Anliegen mit politisch aufgeladenem Fremdenhaß.

Über weite Strecken funktioniert die Balance des Textes, man weiß nicht recht, auf welche Seite man sich schlagen soll, die harte, verbohrte Sturheit der Mutter trägt ebenso unsympathische Züge wie die Aggression der Umwelt. Erst gegen Ende überkommt Mitterer die Liebe zu den Schwachen, seine Neigung zur Passion. An der Wende zum neuen Jahr, kurz vor ihrem Tod, begegnet Hedwig zwei Phantomen: ihrem gefallenen Mann, einem "schneidigen" Deutschen, einer, der an Hitler bedingungslos glaubte, und ihrem Geliebten, dem polnischen Zwangsarbeiter Simon. Ein Riß, der durch die Familie geht: Robert ist Simons Sohn, Hermann stammt vom Ehemann. Im großen Showdown erklärt der Autor den Haß des "bösen", sich nicht geliebt fühlenden Sohnes und lädt das Stück mit einer zusätzlichen Dimension auf: Die Wurzeln von allem liegen im Nationalsozialismus.

Was man vordergründig als Mitterers Stärke auffassen könnte, seine wohlgezimmerte Dramaturgie, seine Liebe zur genauen Motivation, ist im Grunde seine Schwachstelle. Alles ist am Ende aufgeschlüsselt, nichts bleibt befremdlich. Mitterer erweist sich als zu guter Zimmermann.
Im Nachwort spürt man wieder mehr Zweifel. Der Autor erzählt, wie er 1982 an einer Passionsaufführung arbeitete und zum Hungerstreik einer Frau, die um ihr Haus kämpfte, zu einer "wahren Passion", geholt wurde. Lange konnte er nichts darüber schreiben, selbst im Unklaren darüber, wer nun in welchen Punkten recht und unrecht hatte. "Nun mußte ich ihr doch ein Denkmal setzten. Wichtig war mir zu zeigen, [...] wie leicht es passieren kann, daß jemand - uninformiert, hilflos um sich schlagend - im Kampf gegen die Behörden untergeht", so die Konklusion. Am Ende kehrte Mitterer also doch wieder zum Passionsspiel zurück.

Karin Cerny
15. Juni 1998

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