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Gertrud Sybille Mende: Die Rückkehrerin.

Roman.
Linz: Grosser, 1997.
159 S., geb; öS 238.-.
ISBN 3-85267-030-6.

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Man darf es wohl zugeben: Diesem Buch näherte sich die Rezensentin mit einem gerüttelt Maß Skepsis. Der Titel nagelt die Geschichte autobiografisch fest. Gertrud Sybille Mende, Jahrgang 1924, stammt aus Linz und zog nach Deutschland - ganz wie ihre Romanheldin Liesa, die im Jahre '66 in ihre Vaterstadt zurückkehrt, um den sterbenskranken Vater noch einmal zu sehen. Die Erinnerungen, die sie dabei heimsuchen, betreffen naturgemäß ihre Jugend in der Hitlerzeit. Heimkehr in die Provinz Linz, Vergangenheitsbewältigung in der "Stadt des Führers". - Kann man von einem solchen Text erwarten, daß er außer ehrenwert auch literarisch achtbar ist? Zu einem derartigen Wagnis bedarf es heute jedenfalls einer gehörigen Portion Unbedarftheit - oder Unschuld.

Tatsächlich erzählt Mende eine schlichte, aber keineswegs simple Geschichte. Da besucht eine Frau ihren Vater, der ihr mit strenger Hand die Liebe zum Herrgott hat einbleuen wollen. Jetzt möchte er ihr sagen, daß er es gut gemeint hat, aber seine Kräfte reichen nicht mehr. Für sie erwacht die Topografie der Stadt zum Leben: Da ist der Hessenplatz, wo sich ihre BDM-Gruppe zu den Aufmärschen formiert hat. Da der Bahnhof, wo sie das Empfangskomitee für die braune Prominenz gestellt haben. Und Liesa, die geglaubt hat, längst eine ganz andere, eine von Grund auf Verwandelte zu sein, erkennt sich mit Schrecken in dem verblendeten Mädchen von damals. Die Jugendorganisation bedeutete für sie nicht Konformismus, sondern Rebellion, "Befreiung aus der väterlichen Gewalt".

Die demokratische Umerziehung beginnt mit einem Trotzakt: Nach der deutschen Niederlage will Liesa sich nicht mit der flugs gewendeten Nationalität abfinden. Der "Schrumpfstaat in Form eines Schuhs" erscheint ihr allzu klein, sie geht nach Heidelberg, weil ein Ölbild im elterlichen Wohnzimmer märchenhaft lockt. In einer langen Rückblende erzählt Mende vom großen Reset der Stunde Null, von Chaos und Abenteuer, vom Bucheckernsammeln und Obststehlen, von GI-Lieben, vom phönixhaften Auftauchen der verbrannten Bücher, von der Scham und dem Nichtwahrhabenwollen des Jahrhundertverbrechens. Die meisten der jungen Leute, die sich da bei einem Rosenkreuzer-Guru von Metaphysik und Kartoffelpuffern nähren, verlangt es nun nach Nüchternheit, sie wollen "nich von einer Wolke in die andere jeraten." Der bürokratische Apparat, der nach dem historischen Ölwechsel tadellos "weiterschnurrt", bedroht die Ausländerin Liesa bald mit der Ausweisung, der sie jedoch durch die Heirat mit einem politikresistenten Käferforscher entgeht.

Weil Mende ihre Protagonistin nicht bevormundet und nicht zensuriert, werden Ressentiments erkennbar. Im Text gibt es keinen vorauseilenden Gehorsam gegenüber heute gültigen sprachlichen Reinheitsgeboten: Der "große Zusammenbruch" 1945 heißt nicht "Befreiung". Und Neger heißen "Neger", weil man sie damals nur so genannt hat. Daß der deutsche "Landser" keine Lanze trug und sich daher auch nicht so schreibt, hätte ein Lektor freilich bemerken können.

Der Verzicht auf Pose und Glättung verleiht diesem im besten Sinne bescheidenen Roman authentisches Gewicht. Das gilt auch für die Mixtur von "reichsdeutscher" Grammatik und Provinzdialekt. Mendes Sprache hat mehr Eigenes aufzuweisen, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Kein aufregendes, eher ein bedächtiges, mitunter allzu schwerblütiges Buch, dem der erste Blick in jeder Hinsicht unrecht tut.

Daniela Strigl
31. Oktober 1997

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