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Birgit Müller-Wieland: Die Farbensucherin.

Prosa.
Innsbruck: Haymon, 1997.
127 S., geb.; öS 190.-.
ISBN 3-85218-247-6.

Link zur Leseprobe

Frauen, die auf der Suche sind, das ist das Thema von Birgit Müller-Wielands Prosadebüt "Die Farbensucherin". Auf der Suche ist auch die 1962 in Oberösterreich geborene Autorin: auf der Suche nach der Sprache, nach verschiedenen Stillagen. Sie erzählt von aufbrausender Liebe, in Momentaufnahmen von einer Frau in Berlin, die beschließt, "jetzt und jetzt und jetzt" zu sagen, und dadurch die verloren geglaubten Farben der Welt langsam wieder für sich entdeckt und behutsam zurückgewinnt: in Rom das Blau, in Prag das Grün und in St. Petersburg das Rot.

Trotz verschiedener Erzählperspektiven und oft traumartiger und sehr skurriler Einfälle ist es meist doch das Dunkle, das Abgründige, zu dem es die Autorin hinzieht: Frauen, denen die Welt stets aufs Neue abhanden kommt, die immer wieder ganz von vorne anfangen müssen. Dafür findet Müller-Wieland mitunter auch recht pathetische Bilder, vor allem, wenn es um die Beziehung der Geschlechter zueinander geht, ganz so, als wolle sie auf den Spuren Ingeborg Bachmanns wandeln: "Nachts kommt er zu ihr. Auch tagsüber ist er bei ihr, manchmal aber bemerkt sie es nicht gleich. Nachts wird ihr die Haut abgezogen." Das Innere wird in kräftigen, oft leider auch überzogen schwülstigen Bildern, nach außen gekehrt. So finden die existentiellen Leidensvorgänge ihre Entsprechungen in massiv körperlichen Bildern: "Etwas hatte sie ausgeweidet und ihre Innereien versteckt." Ihre Leber taucht in einem Fluß wieder auf, das Herz hängt an einem Baum.

Die letzte der vier Erzählungen ist die am nüchternsten geschriebene. Es handelt sich um eine zeitlich während und nach dem Nationalsozialismus angesiedelte Dorfgeschichte, in deren Zentrum eine einfache, sehr einsame Frau steht, fast ein "klassisches" Frauenschicksal: Frühe Hochzeit, das erste Kind, da hängt sich der Mann im Wald auf, später kommt der Sohn bei einem Autounfall ums Leben, die Enkel führen ihr eigenes Leben, schauen selten vorbei. Die Autorin schafft es gerade durch ihre etwas kühle erzählerische Distanz, ganz nah bei der Figur zu sein, die in ihrer Not niemand sonst zum Reden findet als ihre behinderte Schwester ("ihr schiefes Lächeln"). Diese allerdings ist längst tot, sie wurde noch als Mädchen von den Eltern in ein Heim gesteckt und fiel dort einem Euthanasieprogramm zum Opfer.

Müller-Wieland deutet in diesem Text mehr an, als sie klar ausspricht, erst langsam erschließen sich die Teile der Biografie, fügen sich zum Ganzen. Zwischen den Zeilen schimmert die Sprachlosigkeit der Menschen ebenso durch, wie die verlogene Aufbruchsstimmung, das sture Nach-Vorne-Blicken der Nachkriegszeit. Darin liegt die Qualität dieses Prosatextes. Dann aber fallen auch hier grell "Leichenteile durch die Scheibe" des Fernsehers, aus den Nachrichten über den Jugoslawienkrieg. Als hätte die Autorin vorher nicht bewiesen, daß es subtiler auch geht.

Karin Cerny
27. November 1997

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