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Barbara Neuwirth: Empedokles' Turm.

Novelle.
Wien: Milena, 1998.
110 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-85286-054-7.

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Barbara Neuwirth greift in ihrer Novelle "Empedokles' Turm", wie der Titel schon sagt, auf jenen griechischen Naturphilosophen zurück, dem Hölderin bereits ein Denkmal gesetzt hat. Auf dem sizialianischen Ätna soll sich Empedokles, der Staatsmann und Verkünder der Seelenwanderung, um 430 v. Chr. in die Lava gestürzt haben. Barbara Neuwirth interessiert vor allem seine Elementeforschung, die Lehren der Eleaten und Heraklits mit naturphilsophischen Gedanken verband: Kein Entstehen oder Vergehen gibt es demgemäß, sondern lediglich eine Mischung und Trennung der vier Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde, gelenkt von den Urkräften Liebe und Haß.

Die Autorin betreibt angewandte Elementelehre. Sie führt ihre beiden Hauptfiguren, eine Frau und einen Mann, als labile Mischungsverhältnisse vor. Empedokles' Lehre als eine Art archaische Psychologie. Der Plot: Anna begleitet im Auftrag eines Instituts zwei Männer - einen Wissenschaftler und einen Schriftsteller - auf den Gipfel des Vulkans. Zwischen ihr und dem Wissenschaftler kommt es bald zu Spannungen, die am Zielpunkt, "auf der Spitze der Welt" (S. 56), eskalieren. Die Frau findet sich in einem Kampf wieder, der vergangene Erfahrungen erneut gegenwärtig werden läßt , u. a. die Beziehung zu einem Mann, der sie als Inquisitor dem Feuer übergab (Seelenwanderung!). Das äußerliche Ringen der beiden spiegelt also im Kern ein inneres wieder. Für Anna bedeutet dies den fortgesetzten Versuch, ihre alte, unglückliche Konfiguration zu verlassen, die Elemente in ein neues, harmonischeres Mischungsverhältnis zu bringen. Der feuersprühende Berg als Naturgewalt ist dabei sowohl als Hilfsbringer auch als Bedrohung konnotiert, er holt den tiefsten Haß an die Oberfläche, er kann aber auch alte Mischungsverhältnisse auseinanderbrechen lassen, eröffnet so die Chance zur Veränderung im Leben, zur Metamorphose.

Die Autorin wendet einen beliebten literarischen Kniff an, um ohne große Umwege an das Innerste ihrer Figuren heranzukommen: die Expedition in eine ferne, unwirtliche Gegend ermöglicht eine Reise in die Innenwelt der Figuren. Weitab von der Zivilisation, inmitten der Urgewalten, braucht es scheinbar keine ausgeklügelten Erklärungen, um Urkonflikte ausbrechen zu lassen, wie naturgewollt drängen sie hier von selbst eruptiv ans Licht. Auch die Sprache, angelehnt an griechische Vorbilder, erlaubt sich, befreit von jeglicher Last der Vernunft, in pathetischen Bildern, in emotionsgeladenen Naturstimmungen zu schwelgen. Dabei formt Neuwirth ihre Novelle jedoch formal streng, sogar die goethesche Gattungsbestimmung des unerhörten Ereignisses im weitesten Sinn fehlt nicht. Es gelingt ihr weiters, der Leserschaft auf unanstrengende und plastische Weise die Lehre des Empedokles in sehr vereinfachter Form nahezubringen.

Einige Male entgleist ihr allerdings das an sich bereits hohe Pathos des Textes, etwa wenn Polarforscher zu "Pioniere(n) der Sehnsucht" stilisiert werden, oder wenn am Gipfel die Farben so wirken, "wie auf einer Palette, wo eine Malerin sie für das Abbild des Paradieses gerade vermischt hatte" (S. 57). Das ist allzu dick aufgetragen. Antikekitsch, der vor allem deshalb zweifelhaft ist, weil ein Aspekt der Geschichte durchaus moderner daherkommt. Schließlich trägt die Geschichte auch Züge einer Emanzipation. Am Ende gelingt der Protagonistin so etwas wie ein kleiner Befreiungsschlag: nicht mehr auf den selben Typ Mann hereinzufallen. Letztendlich eine Entscheidung, die nicht ohne Ratio auskommt.

Karin Cerny
9. Juli 1998

 

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