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Engelbert Obernosterer: Nach Tanzenberg.

Eine Lossprechung.
Klagenfurt: Kitab Verlag, 2007.
238 S.; Broschur; EUR 16,-.
ISBN: 978-3-902585-03-5.

Link zur Leseprobe

Ein Kärntner Bestseller

I.
Aus sicherer Distanz betrachtet handelt es sich hier um eine Autobiografie eines schreibenden Kärntner Bauernbuben mehr (nach Josef Winklers Trilogie "Das wilde Kärnten"), um eine Kärntner Internatgeschichte mehr (nach Florjan Lipus' "Zögling Tjaz"), um eine Abrechnung mehr mit provinziell-kleinstädtischen Sozialisationsverhältnissen in Kärnten (nach Werner Koflers "Guggile: vom Bravsein und vom Schweinigeln"). Engelbert Obernosterer hat seine Kindheits- und Jugenderinnerungen spät zu Papier gebracht, so manches ist seinen Lesern aus früheren Büchern bekannt, so zum Beispiel von den Kinderjahren am abgelegenen Lesachtaler Bauernhof, so auch von den ersten Erfahrungen im Schuldienst im Gailtal, neu ist die Verarbeitung der eigenen Schulzeit, die Obernosterer 1950-1957 in der kirchlichen Internatsschule Tanzenberg bei Maria Saal nördlich von Klagenfurt verbrachte. Der 'Tanzenberg-Komplex' ist es, der das neue Buch Obernosterers in Kärnten zum Bestseller werden lässt, Tanzenberg ist mehr als nur ein beliebiges Internat; konzipiert als katholische Kaderschmiede für den vorwiegend aus der slowenischen Volksgruppe rekrutierten Klerikernachwuchs, wurde Tanzenberg in den Nachkriegsjahrzehnten gegen die Absicht der Betreiber zur Brutstätte avantgardistischer Künstler und Literaten, aus der ein Valentin Oman, ein Gustav Janus, ein Florjan Lipus und ein Peter Handke hervor gingen.
Obernosterers Tanzenberg-'Lossprechung' kommt spät genug, um keine Gräben mehr aufzureißen, sie fügt sich in die Art des mehr oder weniger gerührten, amüsierten oder bitteren Blickes nickenden Zurückschauens auf die Epoche des Kärntner Kalten Krieges, die sich nicht erst seit der Klagenfurter Stadtheater-Uraufführung von Peter Turrinis Stück "Bei Einbruch der Dunkelheit" (2006) breit macht, dessen mit Obernosterers Jugendblüte annähernd zeitgleicher Schauplatz (der Tonhof, 21. September 1959) sich nur wenige Kilometer von Tanzenberg entfernt befindet. Die politischen Auseinandersetzungen, die Volksgruppenfrage, der Kärntner Kulturkampf kommen bei Turrini und bei Obernosterer nur implizit und am Rande vor, genau das gefällt dem Publikum: sich dieser Jahre zu erinnern, ohne gleich wieder streiten zu müssen, eine nostalgische Rezeption deutet sich da an, ob zurecht, mag dahingestellt bleiben.

II.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Der erste, kürzeste – Vor Tanzenberg – beginnt mit der Geburt und mit der Kindheit im Lesachal: "In den ersten Jahren meines Lebens existiere ich als Partikel eines Bauernhofs in einem Kärntner Hochtal." Die Geschwister, die (Stief-)Mutter, der Vater, die Arbeit, die Kirche sind prägend, eben haben der Vater und die Arbeit den Buben noch fest in der Hand, da entkommt er ihnen in einer Weise, die für den Zwölfjährigen selbst überraschend und irgendwie unerklärlich ist: "heute habe mir der Pfarrer den weißen Kragen gegeben" (S. 30). Von der zweiklassigen Volksschule weg ins elitäre Stiftsgymnasium zu kommen, das bedeutet für den Jungen ein zufälliges Glück, keine Emanzipation, er bleibt in seiner Herkunftswelt befangen und ihr verpflichtet, als wäre die Lossprechung von der Welt der bäuerlichen Arbeit eine auf Widerruf.

Im zweiten längeren Abschnitt – In Tanzenberg – liegt der Schwerpunkt auf der Internatszeit. Eine an Peter Rossegger gemahnende Passage schildert die Ankunft des Postbusses, mit dem der kleine Engelbert seine Lesachtaler Welt das erste Mal verlässt (S. 32-35, siehe Leseprobe). Die genaue Beschreibung der langwierigen ersten Reise zur Aufnahmeprüfung, dann der Tag des endgültigen Eintritts ins Internat, die Beschreibung des Internatsalltags, alles läuft darauf hinaus, den Mythos des Elitären, der harten Schule, die einem trotz aller Unannehmlichkeiten fürs Leben viel gegeben habe, zu zerstören und durch eine Darstellung zu ersetzen, die die Realität betont: Monotonie, Enge, kirchlicher Kleingeist. "Die Schule samt Lehrplan fungiert weitgehend als weltlicher Arm der Diözese." (S. 64) Die Zurichtung für den Beruf des katholischen Geistlichen misslingt, der Rücktritt von der kirchlichen Berufung beim fast Zwanzigjährigen ereignet sich jedoch fast ebenso ungewollt wie der Eintritt: ausgelöst von ersten Mädchenkontakten und der unduldsamen Reaktion des kirchlichen Erziehungssystems folgt die freiwillige Entscheidung, das Internat zu verlassen, unter dem ferneren Eindruck der Nietzsche-Lektüre (S. 94) und der Erfahrung in der Gruppe: "Wir spüren, dass etwas in Bewegung geraten ist, [...]". (S. 101)

Im dritten und längsten Teil – Nach Tanzenberg – behandelt Obernosterer die Zeit als Gymnasiast in Klagenfurt, die einer vorübergehenden Anstellung beim Gericht nach der Matura, dann die Wiener Studienjahre bis zum Abbruch der Germanistik- und Geschichtestudien, die Rückkehr nach Kärnten für einen Ausbildungslehrgang als Pflichtschullehrer, die Entscheidung für den Schuldienst im Heimatbezirk, die ersten Erfahrungen mit der Schulrealität und die ersten Auseinandersetzungen mit der Schulbürokratie. Am Ende steht ein fertiger junger Lehrer da, er schaut sich "etwas länger als zum Frisieren nötig in den Spiegel", besorgt sich "Erdfarben" und wirft "den Eindruck in doppelter Lebensgröße an die Wand [...], in den kotfarbenen Korpus ritze ich Borsten hinein." (S. 232)
Der Lehrer geworden ist, das Borstenschwein, mutiert zum Künstler, wird Kunsterzieher am Gymnasium, wird Schriftsteller, denn ein "Schuhkarton voll Prosaskizzen [ist] zusammengekommen, ein Haufen wie von einem Maulwurf". (S. 235) – "So aber ist er etwas geworden [...]". (S. 336)

III.
Aus der Nähe betrachtet ist der Kärntner Bildungs- und Entwicklungsroman, den Engelbert Obernosterer hier vorgelegt hat, die lineare erzählerische AUFDECKUNG seiner eigenen Sozialisation, Sozialisationsbedingungen, Sozialisationsresultate, aus dem Muff der ERINNERUNG, so ganz anders als die Bildungs- und Entwicklungsromane der erwähnten Kollegen Kofler, Winkler und Lipus. Er ist aber auch so ganz anders als die anderen Bücher Engelbert Obernosterers, wo, beginnend mit "Ortsbestimmung" (1975), "Der senkrechte Kilometer" (1980) und "Die Bewirtschaftung des Herrn R." (1990) im Verfahren präziser Beobachtung und sprachlicher Dekonstruktion der Ich- und Heimatwirklichkeit ein Programm der De-Personalisierung exekutiert wird, wie es sonst nur der Kärntner Gert Jonke mit seinem "Geometrischen Heimatroman" (1969) zustande gebracht hat. Obernosterer hat fast nie fiktionale Texte im klassischen Sinn geschrieben, er hat Beobachtetes mitgeteilt, Erzählerisches gab es bei ihm nur in Miniaturen. Für "Nach Tanzenberg" musste er sich das Erzählen als literarische Strategie überhaupt erst zueigen machen. Sein autobiographisches Erzählen kommt ganz ohne Raffinesse aus. Es verläuft streng chronologisch, kein Zickzack, keine Vorausblenden, keine Rückblenden, stures historisches Präsens; an manchen Stellen scheint stilistisch Ungelenkes durch, das vereint sich mit den etwa zehn stehen gebliebenen Tippfehlern zu dem Eindruck, dass dieses Buch des Kitab-Verlags wieder einmal nicht lektoriert worden ist.
Der paradoxe Effekt: eine doppelt notwendige Vereinfachung. Die Schlichtheit ist erstens der Aufgabe geschuldet, das eigene Leben zu erzählen so wie es war, dem klassischen Programm der Autobiographie, wo die Rücknahme des literarischen Anspruchs Wahrhaftigkeit erzeugt. Wenn Obernosterer über seine Kindheit und die Schuljahre schreibt, kommt er dem mündlichen Erzählen nahe, wo die Erinnerungen unverstellt verabreicht werden, so wie sie aus dem Gedächtnis quellen.
Zweitens erleichtert das Zurückschrauben des literarischen Anspruchs die Lektüre. Mit seinem Dekonstruktionsprogramm hat es Obernosterer seinen Lesern ja schwer gemacht. So gebe ich einen Nachteil als Vorteil aus, ich hoffe, man begreift das nicht als Zynismus: Aber dieses Buch ist in Kärnten mit Recht ein Bestseller, das müssen wir Kärntner und Kärntnerinnen lesen, damit wir darüber nachdenken und begreifen, wie wir selber in diesem Land mit seinen Tälern und Dörfern und Kleinstädten und Schulen und Internaten und Kirchen geworden sind, und die anderen müssen es lesen, damit sie uns Kärntner/innen begreifen.

 

Walter Fanta
15. Jänner 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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