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Engelbert Obernosterer: Vom Ende der Steinhocker.

Satire.
Klagenfurt: Sisyphus, 1998.
116 S., geb.; öS 148.-.
ISBN 3-9500149-9-3.

Link zur Leseprobe

Noch im aktiven Dienst als Lehrer wurde der Autor Engelbert Obernosterer immer wieder von den vorgesetzten Behörden aufgefordert, die Richtigkeit seiner Behauptungen zu beweisen oder einzustellen. Im Umgang mit den Behörden hat Obernosterer gelernt, daß man "Satire" über den Text schreiben muß, wenn man dem Gericht oder der Diziplinarbehörde entkommen will.
Diesen Schutzschild der Satire hat der Autor auch im Ruhestand beibehalten, und er nennt mittlerweile alles, was seinen Schreibtisch verläßt, prophylaktisch eine Satire.

"Vom Ende der Steinhocker" ist gattungsmäßig gesehen ein Bildungsroman im Gebirge. Von der Idee ausgehend, daß die herumliegenden Felsbrocken wahrscheinlich der Sinn des Lebens sind, entwickeln die Einheimischen ein ehrfurchtsvolles, beinahe hündisches Verhältnis zu den Steinen, sie ahmen diese in geduckter Gestalt und Drohgebärde nach, und übernehmen auch im Denken und Sprechen den Habitus von Gestein.

Diese Mischung aus Härte, Nützlichkeit und Bedrohung läßt die Urbevölkerung "dahinnostern", und Obernosterer sind naturgemäß die, die es in der Hierarchie schon ziemlich weit nach oben gebracht haben, und sei es nur, daß sie weit oben am Berg wohnen.
Für Gebirgsbewohner sind die Steine oft wichtiger als Luft, denn auf den Steinen können sie sich ausruhen, sagen sie selber, wenn ihnen die Luft ausgeht. Selbstverständlich ist auch die Stein-Logik eine einzigartige und auf Anhieb nur schwer als Unterform der Logik zu begreifen.

Der Autor "nostert" als vorgeblicher Steine-Forscher im Tal herum, trifft überall auf Steinmenschen oder Felstypen und dokumentiert die Erlebnisse wie Stanley und Livingstone anno dazumal bei der Durchquerung Afrikas. Die Annäherung an die Einheimischen ist oft nicht ungefährlich, denn manchem ist das Geweih nach innen gewachsen und dient jetzt als Gehirn.

Die wichtigsten Triebe der Einheimischen sind der äußere Ordnungstrieb und der innere Geschlechtstrieb. Da beide selten zusammengehen, herrscht im Sexualleben umso mehr Chaos, als im Haus Ordnung herrscht.
Eine Notflucht treten manchmal Mädchen an, die auf und davon heiraten (S. 59). Das nützt ihnen aber gar nichts, denn die Triebe stoßen die Männer durchs Gebirge und lassen sie zu Vätern werden (S. 102). So bleibt den Geflohenen bald nichts mehr übrig, als mit anderen Frauen über die Geburten zu reden, die wie Börsenkurse gehandelt werden und je nach Gewicht und Steißlage des Kindes einen gewissen Index auf der nach oben offenen Geburtenskala erreichen.

Pädagogen verwechseln stets Erziehung und Hausbau, und dementsprechend schauen auch die Häuser und die Kinder aus. Ganz wichtig ist es, nach vollendetem Hausbau die Werkzeuge als Schmuck an die Wand zu hängen.
Während das Fernsehen inzwischen bei der Bevölkerung mit steinener Miene wohlwollend empfangen wird, hat die erste Ampel die Talschaft ziemlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Fast zu allen Jahreszeiten gibt es übrigens Lebensrettungen, weil sich immer wieder Menschen aus dem Leben schleichen wollen, was aber von Lebensrettern verhindert wird. So überstellt man immer ein gleich großes Kontingent in die Psychiatrie, während ein anderes mit Medaillen ausgezeichnet wird.
Engelbert Obernosterers Satire ist so wahr, daß sie in Wirklichkeit ein waschechter Tatsachenroman ist.

Helmuth Schönauer
19. Jänner 2000

 

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