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Engelbert Obernosterer: Grün.

Eine Verstrickung.
Klagenfurt: Sisyphus, 2001.
133 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-901960-05-8.

Link zur Leseprobe

Der Kärntner Schriftsteller Engelbert Obernosterer hat eine einleuchtende Theorie des Schreibens. Wenn man an der Peripherie des Weltgeschehens wohnt, soll man dort schreibend Ordnung schaffen, denn die zentrifugalen Kräfte des Weltgeschehens stiften auch an der Peripherie ständig Unordnung.

"Grün" ist nur beiläufig eine Auseinandersetzung mit der politischen Kraft dieses Namens, grün ist bei Engelbert Obernosterer wirklich noch das Gras - jenes der kargen Kindheit auf dem Bergbauernhof und jenes, unter dem man am Ende begraben wird - und der Erzähler zieht immer wieder die Schuhe aus, um es begehend zu begreifen.
Die "Verstrickung" des Untertitels ist dabei auch formal umgesetzt, Obernosterer behandelt kaum ein Thema, ohne in der Folge ein ganzes Bündel von Seitengeschichten und Nebenerinnerungen ans Tageslicht zu befördern.

Der Autor gibt seinem Textstrang oft den Charakter von autobiographischen Notizen. Ein Tagesablauf, die Handgriffe im Haus, frisch gekochte Speisen oder Schimmelpilze in der Speis und anderswo sind einige Anlässe, um die herum verschiedenste Theorien und Fragestellungen über das Leben am Lande entworfen werden. Etwa, wie die Zahnräder der Ereignisse ineinander greifen und inwiefern es sich lohnt, den Beobachterposten zu verlassen und einzugreifen.

Allmählich breiten sich die Gedankenkreise schier uferlos aus, gehen zurück in die Kindheit des Autors und bei dieser Gelegenheit zeigen sich wieder andere Verstrickungen, denn jeder ist mit jedem verwandt oder bekannt, und von den übrigen Talbewohnern weiß man nichts.

Gegen Ende zu hat sich das Skizzenhafte des Textes völlig verflüchtigt, und der Autor nimmt einen leicht abseits liegenden Beobachterstandpunkt ein, von dem aus er die Rituale des Dorfes ironisch beschreibt.
Da ist Engelbert Obernosterer in seinem Element, wenn die Körper der hochgeschätzten Dorfelite aus dem Leim gehen und nur mehr mit Mieder oder gewagten Hutmodellen etwas gezähmt werden können. Oder wenn bei Begräbnisfahrten älteren Herrn noch einmal die Lust einschießt, weil sie begreifen, daß es offensichtlich im Jenseits keinen Sex gibt.
Von feiner Ironie durchzogen sind die Berichte über späte Begegnungen mit Jugendsünden und Jugendliebschaften. Und immer wieder tritt das Motiv der Vergänglichkeit auf, beeindruckend schön an jener Stelle, wo sich der Erzähler barfuß ins Grün begibt, um die Kindheit zu begreifen, alles paßt noch wie damals, aber mit dem Atem stimmt etwas nicht mehr, er kriegt keine Luft.

In Engelbert Obernosterers "Verstrickung" läuft nichts glatt und chronologisch ab, immer wieder baut der Autor literarische Bremsen ein, etwa wenn er über seine Tätigkeit des Schreibens reflektiert. So muß er für ein gutes Sommerkapitel beinahe einen ganzen Sommer lang am Text arbeiten, und die Gefahr, daß sich der schriftliche Sommer verfinstert, ist jeden Tag zur Stelle. Etwa wenn der Autor eine Flasche Wein trinken will, es aber dann doch mit einem Schluck Marillenlikör bewenden läßt, weil dessen Schraubverschluß schneller geöffnet ist.

Im Text tauchen viele Wörter auf, die es wahrscheinlich gerade noch einmal in ein Buch geschafft haben und dann aussterben werden. Alte Gerätschaften oder Bräuche werden noch einmal als Wortschatz aktiviert, ehe sie vermutlich bald nur mehr für Sprachrestauratoren und Raritätenforscher relevant sein werden.

Die Idee des Autors, daß man in einer peripheren Gegend, der Autor lebt in Hermagor und das Gail- und Lesachtal sind sein Revier, durchaus mit dem Format der Welt, um nicht zu sagen mit Weltformat, erzählen kann, ist aufgegangen.
Es muß nicht immer das L.A. von James Ellroy sein, um an die Grenzen der Welt zu gelangen, es gibt diesen Schauder des Zeitverlusts und der Auflösung der eigenen Biographie auch an unserem Ende der Welt, im Textkosmos von Engelbert Obernosterer etwa.

Helmuth Schönauer
21. August 2001

 

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