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Belmen O: Der nackte Soldat.

Roman.
Klagenfurt, Wien: Ritter, 1999.
Mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek.
178 S., brosch.; öS 188.-.
ISBN 3-85415-239-6.

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Der nackte Soldat im gleichnamigen Text kämpft nicht. Er ergibt sich in (irakischen) Unterhosen, weniger dem Feind als einem ungewissen Schicksal, eher mitleid- denn lusterregend: so zumindest zeigt ihn uns das Umschlagfoto des Buches. Aber eigentlich ist ja der beschönigte Kriegerkörper von Giorgione gemeint, der im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt, wo sich zwei Männer kennenlernen.

"Der nackte Soldat" ist eine Art homosexueller Bildungsroman, eine "Education rectale", wie ein Kapitel treffend titelt. Eine Topographie des schwulen Wien von den späten 70er bis in die frühen 90er Jahre, in einem Stil, der wechselhaft bis gewaltig von einem Sohn Josef Winklers mit Elfriede Jelinek stammen könnte; alleinerziehender Großvater: Jean Genet.

Könnte: denn der österreichische Autor "Belmen O." bleibt ein/e Unbekannte/r in dieser Gleichung. Sicher ist lediglich - auf Grund der intimen Kenntnisse des Wiener Weichbilds - dass es sich um einen Österreicher handeln muss, zumindest um jemanden, der hier seine Sozialisation abbekommen hat. Aber auch hektische Anagramm-Spielchen zeitigen keine Ergebnisse - außer man bastelt sich aus den Pseudonymen des Protagonisten auf Seite 76 einen "Otto Silbermann". Der Rezensent schlägt also das Telefonbuch zu und eine bessere Lektüre vor:

Aus der Sicht von Belmens Alter ego namens Alwin ist die Textur der Stadt durchsetzt von Schwellkörpern, denen die Streifzüge seiner Existenz vorbehalten sind. Genau hält der mit ihm flanierende Erzähler das Paarungsverhalten jener Männer fest, die sich an den einschlägigen Orten finden, im Pissoir im Esterhazy-Park, im Schweizergarten, in der Lobau, in einer Bukarester Kontaktsauna: "Er entblößt den Punkt, an dem er zu packen ist, wie ein Soldat, der den Schild hebt."

Der Thrill dieser halbanonymen Hingabe erschöpft sich trotz heftiger Wiederholung und führt in die Reflexion. Im Reigen jener Zufallsbegegnungen Alwins wird dann die letztliche Sinnlosigkeit des Begehrens deutlich, das nach jeder Befriedigung zurückweicht und immer wieder vorstößt. Was jedem Vorstadt-womanizer zugestanden wird, wirkt in der homosexuellen Perspektive härter, provozierender: die Vergeblichkeit der Serie, die Einsamkeit des Geschlechts, die Illusionslosigkeit, die aufputscht und peinigt. Anders als in vielen Hetero-Beziehungskisten ist Sexualität hier kaum von begleitenden Diskursen verbrämt. Das Wort Liebe kommt erstmals auf Seite 114 vor, und auch dann nur mit Vorbehalten.

Es ist jedoch nicht die Outing-Perspektive schwuler Folklore für Eingeweihte und VoyeurInnen, die den Roman so anziehend macht. Es ist die Augenschärfe, mit der Alwin in der Camouflage des Alltags die Außenwelt scannen muss auf der Suche nach Lust, bevor er in die Machtverhältnisse von Tun und Lassen eintaucht: "Bei Tag ist er von vorbildlicher Dezenz. Ein Blick auf einen Mann, ob dieser nun angezogen ist oder nackt, besteht aus vielen Blicken, einem strategischen Raster, der unsichtbar bleibt und ihn selbst, darin aufgelöst, verborgen hält."

Der daraus resultierenden Klarsicht entgeht nichts. Sie steigert sich zur präzisen Kritik am "Heterror" einer Mehrheitskultur mit Familienpropaganda. Das kann bis zum virtuosen Foul-Spiel gehen, insbesondere gegen Frauen. Angesichts der Urbevölkerung eines Beserlsparks heisst es etwa: "Er kennt die enttarnte Nacht, wenn sie endlich fort sind, die [...] ausgesingelten Mütter mit ihren kindergartenreifen Spätfrüchten, die schon zu lange damit allein sind, um nicht an sehr fremden Männern ihren Marktwert zu prüfen."

Der mächtige Glieder-Bau dieses Textes enthüllt die Welt als Körper-Börse, als Drive-thru-Restaurant für Genitalien, wo Identität nicht beruflich, nicht sozial, sondern nur als sexueller Näherungs-Wert empfunden werden kann - der zerstört, was er findet. "Die Verwandlungskraft dieser pochenden Schattenwelt" überträgt sich auf die existentialistische Deutlichkeit des Romans. Dieser mündet in ein verstörendes Szenario des Lust-Todes, nachdem er listig jeglichen Aids-Kitsch umschifft hat.

Zu Recht hat übrigens Elfriede Jelinek ein Nachwort beigesteuert, das den Text auf den (Knack-)Punkt bringt: "Das meiste ist, dass man findet, ohne gesucht zu haben. Andere fragen sich nichts, suchen und finden. [...] Jeder nimmt, was er in gewisser Weise schon hat. Hier schreibt einer davon, dass er will, was er noch nicht hat. Weil er nicht anders kann." Mal sehen, ob das alles ist: ob diesem Debüt etwas folgt.

Clemens Ruthner
28. September 1999

 

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