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Hans Platzgumer: Weiß.

Roman.
Innsbruck, Wien, Bozen: Skarabaeus, 2008.
239 Seiten; geb.; Euro 19,90 .
ISBN 978-3-7082-3235-5.

Link zur Leseprobe

Sebastian Fehr führt in Frankfurt ein ehrgeizloses Leben als Regie-Assistent. Er ist ein maulfauler Eigenbrötler, ein hilfloser Außenseiter, der keinen Anschluss findet an das Leben, das ihn umgibt. Weder mit sich noch mit den anderen kommt er zu Rande. In seiner nüchtern, lieblos eingerichteten Wohnung fühlt er sich nicht wohl, Frankfurt ist nicht seine Stadt. Weil sich in Liebesangelegenheiten nichts tut, besucht er einen Italienisch-Kurs für Singles, doch ohne Erfolg. Ein Abenteuer mit einer Arbeitskollegin beginnt vielversprechend und endet mit einer deftigen Demütigung. Ihm bleiben Kabinensex und Tantra-Massagen.

"Fast vier Jahrzehnte schon war Sebastian Fehr nicht satt geworden. Hatte zugesehen, wie nichts geschah, wie er im Leben keine Spuren hinterließ. Nur die Krankheiten seiner Innen- und Außenwelt fielen ihm immer deutlicher auf. Alles war krank. Er war krank." Ein National Geographic-Heft weckt in dem Leidenschaftslosen eine plötzliche Passion für die Arktis. Sie fasziniert ihn, weil sie seine eigene Kälte widerspiegelt. Er liest Bücher über Nordpol-Expeditionen und beginnt mit den Planungen für eine Reise in die Arktis. Nicht aber außergewöhnliche Naturerfahrungen, nicht den Neubeginn sucht er dort, sondern das Ende, den Tod. Er reist nach Longyearbyen auf Spitzbergen, sein Ziel aber ist das menschenleere Franz-Joseph-Land, wohin ihn der russische Eisbrecher Sabotin bringen soll.

Die Franz-Joseph-Inseln. Verlassen von Mensch, Tier und Gott. Vom Schnee zugeweht, zu Eis gefroren. Kegelberge, Basalttürme, Schluchten und Klippen, die ohne ein Pflanzenkleid auskommen. Sie sollten seine Landschaft werden. Kalkschiefer, Thonglimmerschiefer und dunkler Dolerit sein Bett. Auf ihm wollte Sebastian sich ausstrecken. Breit machen und einfrieren.

Aber sein Suizidversuch scheitert: Sebastian Fehr wacht zu Hause in einem Rehabilitationszentrum für Blinde und Sehbehinderte auf. In Selbstverstümmelungsabsicht hatte er im hohen Norden ohne Augenschutz so lange auf das arktische Weiß geschaut, dass er erblindet war. Die Pflegerin Eva Sörensen begleitet ihn auf seinem Weg zurück ins Leben.

Hans Platzgumer, 1969 in Innsbruck geboren, ist ein musikalisches Multitalent. Der junge Rebell beginnt als Rockmusiker in der Formation H.P.Zinker, geht später nach New York, gilt dort als Geheimtipp, schafft jedoch den absoluten Durchbruch nicht. Zurück in Europa spielt er bei den Goldenen Zitronen, dann entdeckt er die elektronische Musik für sich, macht sich als DJ einen Namen, komponiert für Film, Theater und Hörspiel.
Als Autor trat Platzgumer 2005 ans Licht der Öffentlichkeit. Im Skarabaeus Verlag veröffentlichte er sein autobiografisches Buch "Expedition. Die Reise eines Underground-Musikers in 540 KB." Das Buch nahm viele Rezensenten und Leser nicht nur wegen Platzgumers aufregenden musikalischen Lebenswegs ein, sondern bestach auch durch seine Authentizität und Frische. Unbekümmert und selbstironisch erzählte er von seinen Pleiten, Pannen und Erfolgen, von seinen vielen Metamorphosen, die er als Musiker vollzogen hatte.

Das zweite Buch macht es Autoren gewöhnlich nicht einfach, Platzgumer ist an ihm leider gescheitert. Warum? Konnte er sich bei seinem ersten Buch im Erzählen auf Erlebtes verlassen, so setzt er in "Weiß" auf die Fiktion – und die bereitet ihm einige Probleme. Die Dialoge des Romans wirken künstlich, Gefühlswelten konstruiert, viele Redundanzen hemmen den Erzählfluss, weil es dem Autor oftmals nicht gelungen ist, die Gedanken und Wahrnehmungen seiner Figuren auf den Punkt zu bringen.
Platzgumer hat akribisch recherchiert, er ist auch selbst in die Arktis gereist, leider aber hat der Autor sein Wissen und seine Erfahrungen zu oft bloß referiert anstatt sie in die Erzählung einfließen zu lassen.
Auch der Plot weist Schwächen auf: Da ist plötzlich einer vom Polarfieber infiziert, bloß weil er das National Geographic-Sonderheft "Faszination der Arktis" gelesen hat. Da liest einer in kürzester Zeit alle verfügbaren Bücher über den Nordpol und will stante pede in die Arktis reisen, wird aber bis dahin als völlig lethargischer Mensch beschrieben, der in seinem Leben immer aufgegeben hat statt zu kämpfen. Unmotiviert wirkt auch die plötzliche Liebe, die Eva Sörensen zu ihrem unnahbaren Patienten entwickelt. "Gemeinsam schritten die beiden nun durch diese seine neue Welt, wie ein Brautpaar auf dem Weg durch die Kirche mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Furcht und Aufregung." Schlicht und einfach kitschig ist es, dass Sebastian Evas letzter Patient sein wird, da sie wegen einer Augenkrankheit kurz vor der Erblindung steht.

Es mangelt dem Buch – bildlich gesprochen – am Schweiß: am wiederholten Überarbeiten und Überdenken, am Zweifeln und Infragestellen des eigenen Erzählens, an der Handwerksarbeit, die ein Buch benötigt, will es zum Kunstwerk reifen. Hätte sich der Autor mehr Zeit gegeben, hätte er die Geschichte verdichtet, den Plot sanft korrigiert und an der Figurenzeichnung weitergearbeitet, so hätte "Weiß" ein sehr gutes Buch werden können.

 

Peter Landerl
23. April 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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