Leseprobe: Irene Prugger - "Schuhe für Ruth"

"Worunter hat eine alleinerziehende Mutter eigentlich am meisten zu leiden?", fragte Pia Schneider hinter ihrem Rücken.
"Unter den Finanzen", antwortete Ruth. Der Freigänger ruckte mit dem Kopf und sah sie erschrocken an. Flieg, dachte Ruth. Nun flieg schon endlich, du Dummkopf!
"Nicht etwa an der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung?"
"Fehlende gesellschaftliche Anerkennung hat immer mit den Finanzen zu tun."
"Ob Sie sich die Sache da nicht zu leicht machen?"
Ruth fragte sich, warum sie noch immer herkam und die Demütigung unbezahlter Arbeit einsteckte. Sie glaubte nicht daran, das Bild als Entschädigung zu erhalten, obwohl Pia Schneider ihr Versprechen inzwischen auf makabre Weise erneuert hatte: "Sobald ich tot bin, bekommen Sie es!"
Und wenn schon, was sollte sie mit einem Bild voller Ertrinkender, das wahrscheinlich den Weg zum Versatzamt nicht lohnte.
Ruth zog die Hand langsam aus dem Käfig zurück. Der Blaue begann nervös an seinem Gefieder zu zupfen, weitere entscheidende Sekunden vergingen. Plötzlich machte er kehrt und spazierte in sein Gefängnis zurück. Ruth seufzte und verschloss schnell das Türchen.
"Nein, ich glaube nicht, dass ich es mir zu leicht mache."
(S. 136f.)

© 2008 Skarabäus, Innsbruck-Bozen-Wien.