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Gabriele Petricek: Zimmerfluchten.

St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich, 2005.
119 S.; geb.; Eur 19,-.
ISBN 3-901117-76-8.

Link zur Leseprobe

Wie viele Zimmer braucht es für eine Zimmerflucht? Und wer hat so viele? Die "Zimmerflucht" ist heute selten - es sei denn, einer sucht das Weite, weil ihm die Decke auf den Kopf zu fallen droht. So führen auch Gabriele Petriceks Erzählungen von den echten Zimmerfluchten einer Wohnung bis in die weite Welt und alsbald zurück, auch wenn es dann am Ende heißt: "Es ist nichts geschehen." Dazwischen liegen viele Räume.

Gabriele Petricek kommt eigentlich aus der Modebranche, wurde als Designerin ausgebildet, und schrieb sich schließlich als freie Journalistin über Mode, Bildende Kunst und Architektur durchs Leben. Diese Themen sind auch in den Erzählungen gegenwärtig, etwa wenn sie gleich am Anfang einen jungen Mann beschreibt, der nackt in seinen Zimmerfluchten eine Nachbarin mit Guglhupf empfängt und sich so benimmt, "als sei er elegant gekleidet." Die beiden streiten über Architektur, bis dann doch die Libido hervortritt, als die Worte auszugehen drohen. Keine geglückte Begegnung. Kein behaglicher Erinnerungsraum.

Sieben Zimmerfluchten hat Gabriele Petricek in ihrem Erzählband versammelt, jede kann für sich alleine stehen, und doch hängen sie zusammen, nicht nur durch die Titel. Petricek kreist in allen sieben ihrer jüngsten Prosatexte um das Thema Lebensräume, Begegnungsräume, Beziehungsräume, Erinnerungsräume - und heimisch lässt sie die Figuren in keinem Zimmer richtig werden. Heimisch ist der Leser auch in ihrer Sprache nicht, in der ein frischer Wind weht, und alles klingt, als höre, lese man es zum ersten Mal.

Es ist eine gewählte, eigentlich ganz einfache Sprache, in der sie nur eben vieles anders sagt, als man es sagen könnte. Das Naheliegende wird oft vermieden und auf einem kleinen Umweg nähern wir uns dem eigentlichen Kern. Das ist der kleine Unterschied. Petricek hat ganz für sich die Sprache noch einmal zerlegt und meistens normgerecht und doch ein bisserl eigen zu ihrer Prosa neu montiert. Ohne Rücksicht auf Alltagskonventionen und Naturgesetze. Dicht und präzise und doch durch die Blume, manchmal.

Zimmerflucht - Das Meerprinzip - Spielarten der Ordnung - Das Eiszimmer - Die Optikerin - Dopplers Ich - Swimmingpool; das sind die sieben Zimmerfluchten, der Rahmen für Begegnungen, in denen jeder doch für sich allein bleibt. Am Anfang und am Ende steht eine Wohnung, dazwischen vor allem Außenräume und öffentliches Gelände, ein Lebenslauf der sieben Schrullen, ein bisschen wie geträumt und nicht ganz echt. So wandeln wir am Ende mit einem Wärter durchs Museum, der sicher nicht mit beiden Beinen auf der Erde steht. Vielleicht sind auch die Episoden bis dahin nichts als ein Traum, ein Spiel, erdacht.

Petricek ist es nicht unbedingt um Realismus zu tun, sie lässt ihre Figuren in skurrile Situationen geraten, die eher der Vorstellungswelt oder dem Symbolismus entstammen als der Wirklichkeit. Aber schließlich gibt es so einiges zwischen Himmel und Erde, und wie soll man Grenzen gefahrlos ausloten, wenn nicht literarisch? Ein bisschen kryptisch darf es da schon sein, der Bogen überspannt vom ersten Satz zum letzten: Zwischen "Es läutet" und "Es ist nichts geschehen" entfaltet sich eine Vorstellungswelt mit einem Labyrinth aus Zimmerfluchten, die ihre Spuren nur in Gedanken hinterlassen. Das ist beim Lesen schließlich immer so: das Abenteuer entfaltet sich im Kopf. Tatsächlich ist vielleicht wirklich nichts geschehen.

 

Sabine E. Dengscherz
25. Jänner 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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