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Egon A. Prantl: Hellfart .2.

Roman.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus 2006.
132 S.; brosch.; Eur 14,90.
ISBN 3-7082-3198-8.

Link zur Leseprobe

Müde von "FUN & RAVE & DRUGS" geht jemand, der "F. Fart" heißt, einen Fluss entlang und wird dort vom nach Blut und Pisse stinkenden Ödipus umarmt, der auf der Suche nach dem Eingang in den Hades ist. Die beiden treffen Andreas Hofer, der mit seiner Rolle als Terrorist hadert und sich mit Rotwein bzw. dem Blut Jesus' aus dem Tetrapack betrinkt. Schon ist man mitten drin im Albtraum, im Horrortrip, oder wo eigentlich? Die Gattungsbezeichnung "Roman" auf dem Buchrücken führt in die Irre, hilfreicher ist der Hinweis auf dem Cover, das Buch sei "der rauschhafte Bewusstseinsstrom eines Wahnsinnigen, der atemlos und anspielungsreich um Sex, Drogen, Musik und Gewalt kreist".

Das kommt der Wahrheit zwar näher, trifft sie aber noch nicht ganz: sollte es sich um nur einen Bewusstseinsstrom handeln, dann um den einer gespaltenen Persönlichkeit. Das Schriftbild legt nahe, drei ineinander verschachtelte Texte zu unterscheiden, in denen nicht immer klar ist, wer gerade spricht. Da gibt es verschiedene F. Farts in verschiedenen Lebensphasen, den "Mann, der ich sein müsste", den sich unentwegt selbst verstümmelnden "Culp" und jemanden, der den Ödipusstoff in einer moderneren und deutlich deftigeren Variante vorträgt.

Egon A. Prantl tritt mit "Hellfart .2" eine Sprachlawine los, die mythologische Stoffe, Bilder von Schlachtfeldern der Antike und Gegenwart, Fäkalausdrücke und Versatzstücke aus Popkultur und Zeitgeschehen mitreißt, zertrümmert und völlig durcheinander wirbelt. In diesem Tohuwabohu mit verschiedenen Schriftarten, aufgelöster Syntax und höchst eigenwilliger Zeichensetzung nach Bedeutungen oder Interpretationen zu suchen, ist ebenso sinn- wie hoffnungslos: Die Assoziationsketten im Text können vom Trojanischen Krieg über Stalingrad nach Bagdad und zum "General Pyrrhus" führen, oder auch einfach nur vom "Rückfall" zum "Phallus". Man muss als Leser Widerwärtiges und Geschmackloses aushalten, so etwa, dass sich die verbotene Frucht im Mund einer gewissen Eva als "Schwanz des Herrn Hitler" herausstellt. Thomas Oliver Niehaus findet in seinem Nachwort eine treffende Formel zur Beschreibung dieses Texts: Es handle sich schlicht und ergreifend um "wahnsinn mit methode".

Man könnte Egon A. Prantl nun vorwerfen, dass die von ihm gewählte Methode nicht ganz neu ist. Die Unmöglichkeit, eine Geschichte einfach zu erzählen, wurde schon einige Schriftstellergenerationen früher postuliert, Experimente mit einer artifiziellen Sprechweise lassen zwar sofort an Werner Schwab denken, aber bei weitem nicht nur an diesen. Auch die im Nachwort geforderte Mitarbeit des Lesers am Text ist längst zum Gemeinplatz geworden, spätestens seit einige zornige junge Männer in den 60er Jahren ihre Romane nach Stichwörtern alphabetisch geordnet haben oder den Leser dazu aufforderten, mit einem dicken schwarzen Filzstift in einem ungeordneten Wörterchaos durch Streichungen ihren Text gefälligst selbst herzustellen.

Trotz all dieser möglichen Einwände macht "Hellfart .2" weder einen verstaubten Eindruck, noch ist eine Pose dahinter zu erkennen - der Text wirkt vielmehr beeindruckend konsequent, stimmig und vor allem authentisch. Wenn Prantl über "FUN & RAVE & DRUGS" schreibt, dann ist er eindeutig, wie auch aus seiner Biografie hervorgeht, alles andere als ein Schreibtischtäter. Der poète maudit, der er einmal war, ist sich als angry old man offenbar treu geblieben: Hinter so mancher Textstelle vermutet man einen noch immer wütenden, rebellischen Autor, etwa wenn es anlässlich des Buttons "UNIREFORM STATT STUDIENGEBÜHREN", den sich Culp an die zerfleischte Brust geheftet hat, heißt: "!Mann ?Bist du nur feige ?Culp ,oder ist wirklich nur Blödheit in deinem ?Schädel !Culp -da muss doch n Button her wie !FICK DICH INS KNIE ,FRAU MINISTER GEHRER !VERLOGENE FOTZE ;sowas gehört !Mann auf dein Shirt"

Das Potenzial von "Hellfart .2", soviel wird sehr schnell deutlich, kann sich beim stillen Lesen unmöglich ganz entfalten. Die Wechsel der Schriftarten, die ungewohnten Satzzeichen und die regelmäßig wiederkehrenden Füllwörter ("!fuck") zerhacken jeglichen Lesefluss. Dadurch entsteht ein Rhythmus, der wohl am besten bei einer szenischen Lesung mit mehreren Schauspielern, möglichst mit Chor, zur Geltung käme.
Ob man das Resultat dann toll, schockierend oder abstoßend finden würde, ist wieder eine ganz andere Frage. So gesehen ist es durchaus logisch, dass der kalauernde Titel "Hellfart" zwei Interpretationsmöglichkeiten zulässt. Es bleibt dem einzelnen Leser überlassen, Prantls Protagonisten auf ihre nächtliche Höllenfahrt zu begleiten - oder die englische Lesart des Titels vorzuziehen und sich naserümpfend abzuwenden.

 

Georg Renöckl
26. Juni 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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