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Leseprobe: Martin Pichler - "Störgeräusch."

Das Rauschen wird von dem auf- und abspringenden Signalton unterbrochen, ehe es wieder einsetzt und kurz darauf erstirbt. Früher geschah es manchmal, dass sich aus dem Modem die Stimme seiner Mutter dazwischenschaltete, wenn Philipp ins Internet einstieg, da er damals noch keine eigene Telefonleitung besaß. Er versuchte, ihre Worte zu verstehen, doch sie wurden von dem scheppernden Lautsprecher zu einem Silbenbrei zermanscht, meistens erkannte er nur den verwunderten Ton in der Leitung, der sich zu fragen schien, woher dieses Störgeräusch plötzlich kam, und eine einfache Erklärung dafür wusste: Sicherlich waren gerade Handwerker an der Arbeit, die an einem Masten eine Reparatur vornahmen. Wenn er jetzt andockt, befällt ihn dann und wann die irrationale Angst, die Stimme seiner Mutter könnte ihn aus dem Modem anspringen, als schwirre sie immer noch irgendwo im Telefonnetz umher, ihr ruheloser, redelustiger Geist, der die globalen Weiten durchforstet und, endlich nicht mehr an den engen Kreis von Bekannten und Verwandten gebunden, in Kontakt tritt mit fremden, von weither zugeschalteten Teilnehmern. Sie verwickelt sie sofort in ein Gespräch und beglückt sie, unaufgefordert, mit weisen Ratschlägen.
Der Computer wird im Netzwerk registriert, sagt die Befehlszeile auf dem Schirm, und Philipp stellt sich Mutters Seelenelektron vor, das es in den Äther verschlagen hat. Selbst als körperloses geladenes Teilchen weiß es die Anstandsregeln zu wahren: Ich könnte noch lange mit Ihnen plaudern, aber ich muss mich um meinen Sohn kümmern, er hat sich soeben angemeldet. Und dann erst schöpft sie ihre Speicherkapazität voll aus, sie nimmt ihren Sohn gehörig in die Mangel und feuert jedes verfügbare Kilobyte an mütterlicher Maßregelung auf dich ab: Du kannst ja deinen Spaß haben und wie wild herumflirten im Netz, aber denk an Luca, der hat das nicht verdient. Er ist ein guter Mensch! (S. 24f.)

Dreh dich um, dreh dich um!, erinnere dich an meinen Atem, mein Murren im Schlaf, mein Streichen über die Bettdecke, an meine selbstvergessenen Bewegungen in der Nacht. Ich habe mich zu dir gedreht oder dir den Rücken zugekehrt. Ein-, zweimal, tausende Male. Erinnere dich an die Dinge, die ich nicht weiß, weil ich abgewandt war von mir selbst, halte sie fest für mich. Und sein Geist gehorcht ihren wortlosen Befehlen, er ist wendiger geworden, ohne Widerstreben löst er sich von der Gegenwart und gleitet geschmeidig durch die Zeit. (S. 112)

© 2006, Haymon Verlag, Innsbruck-Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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