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Ronald Pohl: sudelküche seelenruh.

Graz, Wien: Literaturverlag Droschl, 2004.
107 S., geb., Eur[A] 19,-.
ISBN 3-85420-645-3 (Normalausgabe).
ISBN 3-85420-648-8 (Vorzugsausgabe)

Link zur Leseprobe

Das Theaterstück "sudelküche seelenruh. komödie", am 8. 10. 2003 im "kunsthaus muerz" uraufgeführt, umfasst den Mittel- und Hauptteil dieses Bändchens, in welchem Pohl, Feuilleton-Redakteur und Theaterkritiker der Tageszeitung "Der Standard" sowie Autor einiger Gedichtbände, erstmals mit Prosa aufwartet. Was aber nicht bedeutet, dass es ihm darum ginge, Geschichten zu erzählen. Aber dazu später. Eingerahmt ist das Stück von den Texten "liederlicher gesang eines mordbuben" und "heftiger geschäftiger. kleines leitknäuel für überspannte", zweiterer ein Brevier, in dem sich die Sätze "endgültig verselbstständigen und so nicht nur eine Art sinnlos gewordenen Mehrwert versinnbildlichen, sondern zugleich eben als dessen überschießende Form geraten", so Christian Steinbacher. Was allen drei Texten inhaltlich innewohnt, sind im engeren Sinn Schlagwörter wie Finanzmarkt und Beziehungsmarkt, im weiteren solche wie Geld, Ausbeutung, Sex und Ver- bzw. Missachtung. Im Grunde geht es um männliche Egozentriker par excellence (in der "sudelküche" außerdem, wie nicht anders zu erwarten, ums Essen oder auch: das große Fressen um Macht und Lustgewinn).

Worum es aber eigentlich geht, ist die Sprache, das sichtbar angestrengte Spiel mit ihr, das Zerpflücken, Erneuern, Veralten, Verkomplizieren - bis hin zur Sperrigkeit. Der Mut zum sprachlichen Experiment ist wichtig. Auch heute noch. Gerade heute wieder. Hier wird man allerdings überrollt von Wortspielen, die gerade deshalb Wortwitz entbehren, weil es scheint, als wollten sie jeden Satz zur Pointe werden lassen. So bleiben die Texte pointenlos, die Sätze - ohne schwabsche Sprachmelodie - intellektuell konstruiert. So bleibt einem auch kein Lachen im Halse stecken, wenn es z.B. im "liederlichen gesang eines mordbuben" heißt: "als sie sich der spule näherten, welche die bügel mit überlegener gebärde einbehält, um sie anschließend auf die unschuldige menschheit loszuspucken, betrat er die doktor med, indem er sie lachend zum straucheln brachte, und fiel ihr mit dem aufgetanen latz ins medizinalrätliche haus." Derartiges macht Jarolim, der hier soeben dabei ist, am Ende des Sesselliftes über einen "schihasen" herzufallen, ungeachtet seiner durch ererbten Stahlhandel reichen Ljuba, mit der er sich am Semmering auf Schiurlaub befindet. Für den Macho und Frauenverächter ist diese lediglich ein "mistvieh, weil sie ukrainerin war und obendrein aus der gurgel stank". Worüber er lachen kann, "minutenlang", sind seine Schistöcke, deren spitze Enden er dann der Ljuba in den Bauch stößt, "nur so, damit ihre bäume nicht in den himmel wachsen". Im "tutzinger haus" aus "hirnrissigem lärchenholz" wirft Jarolim der Wirtin Gehstock über die Brüstung, trinkt sodann Pfingstrosentee, der "in gehalt wie im abgang einer am knochen gekochten jubelgreisin" enspricht und unterstützt die Wirtin in ihrem einseitigen Streitgespräch mit Ljuba über die Unbiegsamkeit der Stahlbauweise und die Unwichtigkeit des ukrainischen Stahls auf den Weltmärkten, was Ljuba ganz zum Verstummen bringt, so als hätte Jarolim doch noch ausgeführt, woran er bloß als Bild gedacht hatte: "er hätte die ljuba dort unten, wo man sich ihren schnittlauch beschaut, mit flüssigem metall ausgießen sollen. und er dachte dabei an ihre handelsbilanz."

Die Komödie "sudelküche seelenruh", die auf die Erzählung folgt, ist wohl am ehesten mit dem Wort "kryptisch" zu beschreiben, der Leseprozess vergleichbar mit demjenigen, der sich beim Lesen eines langen Gedichts einstellt, welches viel fordert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sprecher nicht angeführt, sondern im Textfortlauf selbst ermittelt werden sollen. Wüsste man nicht, dass die "so genannte handlung" Ödön von Horváths Stück "Zur schönen Aussicht" folgt, wie es zu Beginn heißt, so wäre eine Handlung wohl kaum auszumachen. Der geforderte und erforderliche intellektuelle Leser kennt jedoch das Horváth'sche Stück: Christine (bei Pohl Marianne), einst vom Hotel- bzw. Pensionsbesitzer Strasser geschwängert, kehrt wieder, um den Kindesvater zu sprechen. Dieser sieht in ihr nur eine, die sich an ihm bereichern möchte, ändert seine Meinung und herzlose Haltung jedoch, als er erfährt, dass sie 10 000 Mark (bzw. "hunderttausend") geerbt hat - doch da ist es zu spät, Christine (bzw. Marianne) reist wieder ab (Marianne dabei die "Internationale" summend und Geldscheine um sich werfend). Von keiner Geschichte abgelenkt, kann sich der Leser ganz auf die sprachlich kalauernde Fülle konzentrieren, auf das Gewühl von umfunktionierten Idiomen, auf den sinnentleerten Redeschwall und die durchdacht-verdrehten Wort-Wiederaufgriffe. "drum prüfe, wer / es eh verwindet", dieses Buch, denn "scheißt / nicht der orien- / tale in die schüssel, von / der er frisst? wäscht eine / hand die andere / nicht darum?"
Dem lesehungrig Durchhaltenden bleibt ein fader Nachgeschmack.

 

Claudia Peer
2. Februar 2005

Originalbeitrag

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