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Irene Prugger: Frauen im Schlafrock.

Roman.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus Verlag, 2005.
195 S.; geb.; Eur (A) 18,90.
ISBN 3-7082-3183-X.

Link zur Leseprobe

"Tiefe Gefühle", wie sie im Klappentext des zweiten Romans von Irene Prugger angekündigt werden, lassen sich in diesem Buch nicht finden - und laut Buch auch sonst nirgends. Was die Welt, pardon: die Münchner Welt, die wohl für die mitteleuropäische steht, verlangt, wonach sie dürstet und was sie ansonsten nirgends bekommen kann, ist genau das, was ihnen Anna, 27, in einer Event-Agentur erarbeitet: Cyberinszenierungen. Da gibt es Flirtschulen, in denen Mann und Frau - soviel genderfeeling muss sein - durch völlig eigenständiges Knöpfchendrücken virtuelle Männchen und Püppchen dazu bringen können, sich posierlich in Szene zu setzen, oder durch eifriges Rätselraten über elektronische Stimulanzen belohnt werden können, falls es einem nicht lieber ist, im sensitiven Chat der Person in der Nebenkabine stromvibrierende Berührungen zukommen zu lassen. Neben derartigen wohlbekannten Zukunftsszenarien über den Verfall unserer Menschlichkeit müssen auch wieder einmal die "armen" Stadtkinder herhalten, denen in durchdachten Events die Kuh auf der Weide präsentiert werden soll.

Anna ist eine der "Creative Creatures", wie sie von ihrem Chef Haller genannt werden, die "mit erigierten Hirnen denken und in multiplen Orgasmen Ideen ausschütten", um schnell zu befriedigende Bedürfnisse zu lenken, die von tiefer sitzenden Wünschen ablenken sollen. Sie ist die Manipulierende, die selbst nicht mehr bemerkt, wie unecht ihre Suche nach Wahrheit - ein Wort, das hier allzu häufig wiederkehrt - und ihre zur Schau gestellte Sozialkritik ist. Dem System, das sie mitentwirft, kann sie nicht entrinnen. Sie will es auch gar nicht wirklich. Klischeehaft lässt sie sich auf eine Affäre mit ihrem Mitarbeiter Paul ein, mit dem sie sich heimlich trifft, bis seine Frau schwanger wird. Zurück bleibt wieder einmal Anna, die Frau im Schlafrock, der die Männer genauso davonlaufen wie ihrer Mutter, die ebenfalls als eine "Frau im Schlafrock" auftritt, was, wie wir erfahren, metaphorisch aufgeladen ist: Eine derartige Frau - und hier scheint es keine anderen zu geben - ist eine, die sich bereits am Morgen dafür bereit macht, "in ihrer Traumwelt zu leben, und nicht merkt, dass sie bloß den Träumen und Vorstellungen anderer dient". Der Schlafrock als weibliche Hülle, die nichts verbirgt, weil es nichts zu verbergen gibt. Eine traurige Illusion.

Animiert von einem Schriftsteller, mit dem Anna, etwas zu weltretterisch naiv und bemüht, das Schreiben reflektiert, degradiert sie sich zur Beobachterin und macht sich - für uns nicht einsehbare - Notizen über das Seelenleben ihrer Mitmenschen, um ihnen, in Ermangelung eigener, richtiger Gefühle, auf die Schliche zu kommen. Was ihr fehlt - und uns an diesem Buch - sind die Zwischentöne, das Ungeschriebene und Unsagbare, das Unvorhergesehene und nicht Planbare. "'Sich selbst erklärende Texte sind ein Merkmal der Trivialliteratur'", sagt der Schriftsteller. Und Anna entgegnet: "'Na und? [...] Ist es nicht auch ein triviales Leben, das es zu beschreiben gilt?'" Gut gekontert, aber ganz abnehmen kann man das Anna, der Suchenden, derjenigen, die sich auf eine Annonce hin meldet, in welcher eine potentielle Mitbewohnerin aufgefordert wird, drei Mal wöchentlich ihren Körper als Gegenleistung für mietfreies Wohnen zur Verfügung zu stellen, wohl doch nicht.

Der einzige, der sich dem allen aufgrund von Kündigung unfreiwillig entzieht, ist Schramm, der "verwunschene König der Schrebergartenzwerge". Isoliert träumt er vor sich hin. Doch als ein aus dem bitteren Arbeitskampf Ausgeschlossener bleibt ihm nur der Weg in den Untergang.

Irene Prugger, Jahrgang 1959, schreibt in ihrem zweiten Roman leichtfüßig zeitgeistig gegen den Zeitgeist an. Etwas zu moralisch, etwas zu durchschaubar, etwas zu gewollt belehrend, etwas zu konstruiert und etwas zu referierend, sodass die Figuren zu plastisch und leblos wirken, nicht interessant genug werden, um ihnen jegliches Leid wirklich abzunehmen.

Claudia Peer
23. Dezember 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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