logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   mitSprache

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Heide Pils: Leicht muss man sein.

Roman vom Lieben und Verlassenwerden.
Wien, Frankfurt am Main: Deuticke, 2003.
155 S.; geb; Eur[A] 19,90.
ISBN 3-216-30689-5.

Link zur Leseprobe

Es gibt Bücher, die etwas über die Zeit verdeutlichen, in der sie geschrieben und veröffentlicht worden sind, deren schlichte Authentizität erst bloß Achselzucken auszulösen vermag, in einigen Jahrzehnten wird man in den minutiös beschriebenen Interna eines Frauenliebeslebens in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dann vielleicht ein Zeitdokument entdecken.

Mit Leichtigkeit erzählt, in viele Episoden aufgelöst, breitet sich die emotionale Biografie einer Frauengeneration mit sich differenzierenden Bedürfnissen in drei miteinander verzahnten Geschichten aus: die der Begegnungen der noch unerfahrenen und scheuen jungen Marie-Therese aus dem Waldviertel mit Männern in Wien, die dazu führen, dass sie schließlich eine "Sammlung von Ex-Lovern" hat (Abschnittstitel 1); die der Beziehung von Marie-Therese zu ihrer Mutter, eine von "Schuld und Liebe" (Abschnittstitel 2); und "Marmelade im Herbst" (Abschnittstitel 3) vom Rückzug Marie-Theresens ins heimatliche Waldviertel in eine selbstgenügsame männerlose Lebensform.

Die personale Perspektive à la "Heute freut sich Marie-Therese" wechselt mehrfach mit der Ich-Form. Diese heute allgemein etablierte Verschränkung der Erzählperspektiven hat hier auch damit zu tun, dass Marie-Therese, die Erzählerin, eine Autorin ist, eine die Geschichten schreibt und veröffentlicht, die ihre eigene Geschichte schreibt. Wir LeserInnen springen stets zwischen der Marie-Therese, die etwas erlebt, und dem, was Marie-Therese über ein Erlebnis aufgeschrieben hat. Das Verfahren erzeugt ein Plus an Glaubwürdigkeit und vermittelt die Atmosphäre ehrlicher subjektiver Selbstaussprache - bis wir uns die Sache nicht mehr anders vorstellen können als dass auch vieles von Heide Pils selber drinnen steckt.

Worin liegt die zeitspezifische Typik der Figur Marie-Therese? Sie stößt im Genuss der Früchte, welche die sexuelle Revolution ihrer Generation bescherte, an eine Grenze. Marie-Therese verkörpert einen Frauentyp, für den das Verliebtsein und die Ekstasen der Liebe, die sie lustvoll auslebt (und erzählt), letztlich doch eine Brücke in dauerhafte Zweisamkeit bedeuten. Bedeuten sollen.

Die Erfahrung Marie-Theresens, die Botschaft des Romans aber ist: Die Männer ticken anders. Marie-Therese bleibt nach der sexuellen Befreiung die Zweite, die heimliche Geliebte verheirateter Männer, die Betrogene, die Verlassene. Kommt die Befreiung nur den Männern zu Gute?
Ich ziehe eine Parallele zum Frauenroman einer deutschen Autorin, Ildikó von Kürthys "Mondscheintarif" (Rowohlt 1999; 2003 bereits in der 32. Auflage erschienen). Dort wird das Thema erzählerisch auf einen einzigen Abend konzentriert und abgehandelt. Die Protagonistin Cora Hübsch ist 33, alt genug, um zu wissen, dass man einen Mann niemals nach dem ersten Sex anrufen darf. Also tut sie das, was eine Frau tun muss. Sie wartet. Auch sie will den Mann, mit dem sie einmal im Bett war, einen Arzt (natürlich einen Arzt!) für mehr, fürs Leben, wie Marie Therese. Von Kürthys kleiner Roman ist voller Effekte und Kalauer, er parodiert über weite Strecken die aktuelle Frauenratgeberliteratur, manchmal wirkt das alles zu aufdringlich.

Bis ins Aufdringliche treibt es Heide Pils nie. Bei ihr liegt die Stärke eher in Zurückhaltung.

In ihrem Finale erreicht Pils beinah Stifter'sche Dimensionen mit der resignativen Abgeklärtkeit, mit der sie Marie-Therese in ihrem Häuschen im Waldviertel Marmelade einkochen lässt - statt Lover empfangen. Das soll keine Anti-Reklame sein! Das Motiv des Leichtseinmüssens nimmt eine doppelte Bedeutung an. Einmal bezeichnet es die Anforderung, auf tiefere Empfindung verzichten zu müssen, mit der die Männer Marie-Therese ihr Leben lang konfrontieren; dann aber auch leichte Lektüre. Ein schweres Thema ist hier sehr bewusst aufs Leichte gebracht, der Leserin zuliebe, die sich wiedererkennen und es der Autorin zu danken wissen wird.

 

Walter Fanta
23. Juli 2003

Originalbeitrag

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Super LeseClub mit Diana Köhle & Didi Sommer

Mo, 24.09.2018, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Wir treffen uns...

Küche der Erinnerung – Essen & Exil

Mi, 26.09.2018, 19.00 Uhr Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation mit Lesung &...

Ausstellung
ZETTEL, ZITAT, DING: GESELLSCHAFT IM KASTEN Ein Projekt von Margret Kreidl

ab 11.06.2018 bis Juni 2019 Ausstellung | Bibliothek Der Zettelkatalog in der...

Cognac & Biskotten

Das schräge Tiroler Literaturmagazin feiert seinen 20. Geburtstag und präsentiert sich mit einer...

Tipp
flugschrift Nr. 24 von Lisa Spalt

Wenn Sie noch nie etwas vom IPA (dem Institut für poetische Allltagsverbesserung) gehört haben,...

Literaturfestivals in Österreich

Sommerzeit - Festivalzeit! Mit Literatur durch den Sommer und quer durch Österreich: O-Töne in...