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Martin Pichler: Lunaspina.

Roman.
Innsbruck: Skarabaeus, 2001.
258 S., öS 276.-.
ISBN 3-7066-2246-7

Link zur Leseprobe

Von Frankfurt und Hamburg aus, wo gemeinhin der Sitz der Weltgermanistik und -Essayistik angenommen wird, werden neben den urbanen Alltagszentren immer auch sensible Gegenden der Literatur mit aufgerissenen Augen betrachtet. Eine dieser empfindsamen Gegenden für Literatur ist sicher Südtirol, wohin entweder Dichter zur Nachreifung geschickt werden wie im Falle des "Wäldchestages" Andreas Meier, oder wo man wie im Falle Oswald Eggers oder Kurt Lanthalers angetan ist von der Sprachkompetenz am Rand des dudenhörigen Sprachgebietes. Denn in Südtirol sind gegenwärtig alle Themen auf Vorrat zu Hause, die für Europa von Bedeutung sind: Transit, Prosperität, Mythenpflege, Zweisprachigkeit, Autonomie.

Auf den ersten Blick ist es die Verweigerung der Umgebung durch die handelnden Personen, die diesen Roman prägt. Vordergründig geht es um das Schicksal der Magda Stofner, die wie die Mutter in Peter Handkes "Wunschloses Unglück" ein Schicksal hinlegt, das für fünfundzwanzig Jahre Muttertagsfeiern ausreicht.
Magda Stofner ist das Paradigma der Gewöhnlichkeit, nichts passiert, wenn man davon absieht, daß einmal auf der Autobahn der Kofferraumdeckel aufgesprungen ist und es bei etwas Glück ein Unglück geben hätte können. Magda erschrickt auch bereits über die Gewöhnlichkeit ihres Namens, als sie auf einer Urkunde den vollen Namen Magdalena liest, und bei dieser Gelegenheit fällt ihr ein, daß ihr Leben in zwei Abschnitte gegliedert ist, in die Leni-Zeit der Kindheit und in die Magda-Zeit, wo sie seit ewigen Zeiten schon mit Karl verheiratet ist, der Sohn Michael hat schon maturiert, die Erinnerungen sind bald auf- und ausgezählt.

Der Roman spielt in der psychischen und körperlichen "Endzeit" von Magda, in den Kopf hat sich Alzheimer eingeschlichen und in die Brust der Krebs. Der Sohn hat ein Verhältnis mit einem Italienisch sprechenden Freund, die Beziehung hat nicht von ungefähr beim Kauf des "Törleß" von Musil begonnen, der Mann Karl ist ein Musterbeispiel an Ordnung und daneben läuft der Haushalt der Familie aus den Fugen. Die Personen teilen ihre Empfindungen zwar in der Innensicht dem Leser mit, aber untereinander sind sie mehr oder weniger sprachlos. Wir erfahren, wie der Geschmack eines abgebrochenen Klarinetten-Studiums an der Gaumenvorderseite klebt, wie die Brust näßt und im Kopf die Spitzen von Mondsicheln zu bohren beginnen.
Dabei gibt es Erkenntnisse wie etwa über die Sexualität, wo es heißt "brings hinter dich, mach keinen Mythos daraus!"

Der Alltag der Familie wird offensichtlich deshalb erzählt, um Satz für Satz seine Dekonstruktion zu zeigen. Unter dem Eindruck der Alzheimer-Krankheit verlieren die Handgriffe ihren Sinn, die Unordnung schleicht sich beiläufig ein. Und die Gefühle und Erinnerungen zeigen, wie der Körper sich selbst austrocknet und sich zurückzieht.

Hinter diesem Kernschicksal lassen sich allerdings, meist nur wie absichtslos erzählt, viele Alltäglichkeiten des Umfeldes ausmachen. Die Sexualität als Tabu, Krankheit als Geheimnis, der Schock beim Arztbesuch, die Stadt, die sich ins Land hinausfrißt und vermutlich Walsche nach sich ziehen wird, die Kluft zwischen den Sprachgruppen und dem homosexuellen Paar.
Gegen Schluß des Romans zeigen hilflose Zeremonien, wie man angesichts des Todes immer daneben steht. Im Kleiderschrank sitzt die angehaltene Zeit. Besser kann man es nicht beschreiben, wenn die Kleider von gerade Verstorbenen weggeräumt werden.

Der Titel "Lunaspina" ist ein Zitat aus einem Vorspann-Gedicht von Fiorella Mannoia und zeigt durch seine Unübersetzbarkeit den sprachlichen Zustand auf, in dem Südtirol zur Zeit lebt. Schlüsselwörter werden in ihrem Originalzustand verwendet und versetzen dadurch den ganzen Text in eine zweisprachige Schwingung. Oft sind diese Schlüsselwörter auch kursiv gesetzt, wie etwa im Falle der "Dolomiten", das erweckt den Eindruck, als wolle sich der Autor durch dieses "Schräg-Zitieren" gleichzeitig distanzieren von den Schlüsselwörtern der Einheimischen. Gute Texte erkennt man unter anderem daran, daß sie mannigfaltig zu interpretieren sind. Lunaspina ist solch ein guter Text, wobei die Person Magda vielleicht Südtirol ist.

Helmuth Schönauer
5. Juni 2001

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