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Kurt Palm: Suppe Taube Spargel sehr sehr gut.

Essen und trinken mit Adalbert Stifter.
Ein literarisches Kochbuch.
Wien: Löcker, 1999.
135 S., geb.; öS 198.-.
ISBN 3-85409-313-6.

Link zur Leseprobe

Adalbert Stifter, so viel wissen wir aus seinen Tagebüchern und Briefen, hat Zeit seines Lebens mit seiner "Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophalen, Pathologischen", wie Thomas Mann 1949 schrieb, zu kämpfen gehabt. In seiner Literatur hingegen ist alles im rechten Lot, harmonisch, schön und wohlgeordnet. Die Menschen leben ihr Leben in geruhsamer Regelmäßigkeit. Wie sollte es anders sein, auch in Sachen Essen und Trinken haben Mäßigung und Askese ihren festen Platz in diesem runden Weltbild. Rafft sich Stifter überhaupt einmal auf, um vom Essen zu schreiben, dann gönnt sich jemand ein "Butterbrot" ("Granit") oder eine warme Milch oder Suppe zu Mittag und nur ab und zu ein Glas Wein ("Kalkstein"). Wasser predigen und Wein trinken. Stifters persönlicher Jahresbedarf allein an Wein, so erfahren wir aus einem Brief an seinen Verleger Gustav Heckenast, ist mit etwa 600 Liter zu berechnen. Und an Bier hat Stifter auch nicht gespart. Im Durchschnitt aß er sechsmal pro Tag. Sowohl zu Mittag als auch am Abend kamen meist drei Gänge auf den Tisch. In seinen Büchern hat Stifter zwar ein nach seinen Vorstellungen "perfektes", von sanften Gesetzen geleitetes Leben entworfen, gelebt jedoch hat er dem diametral entgegengesetzt. Den Zahlen zufolge, so Kurt Palm, haben wir es bei Stifter mit jemand zu tun, "der spätestens ab 1850 exzessive Eß- und Trinkgewohnheiten entwickelte", der "in einer bestimmten Phase seines Lebens alkoholkrank war".

Kurt Palm, der Stifter ja bereits mit seinem "Sparverein Die Unzertrennlichen" ein Festival bereitete, hat für sein Buch akribisch recherchiert, Briefe, Tagebücher und auch Romane durchforstet nach einem Gesichtspunkt: Stifter und Speis und Trank. Dabei erleben wir gleichzeitig auch einen kompletten Durchlauf von Stifters mehr oder minder verpfuschtem Leben. Zum Beispiel die Frauen: Je weiter weg sie - gemeint ist seine Ehefrau Amalia - physisch ist, desto näher fühlt er sich ihr. Zu Hause regnet es Streit und Zank, in der Ferne baut sich das Idealbild auf. Nicht untypisch. Weiters erfahren wir über den quälenden Berufsalltag als Schulrat in Oberösterreich ("Die Schule Ternberg im Ennstale fand ich ziemlich verwahrlost. Ich traf die Kinder allein im Lehrzimmer, weil Lehrer und Gehilfen bei einer Leiche waren."). Und nicht zu vergessen sind Stifters gut ausgeprägte hypochondrische Züge, seine Selbstbeobachtungen im Krankentagebuch "Mein Befinden": 25. April 1854: "Bis Abends ausgezeichnet. Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr gut. Nachts infolge Zorn wegen der Frau unruhig."

Palm hat außerdem zeitgemäße Kochbücher dieser Region zu Rat gezogen und Stifters Lieblingsessen zuerst selber nachgekocht und dann das Rezept in sein Buch gestellt. Palm und Stifter, soviel zur Gemeinsamkeit, sind beide Oberösterreicher. Was es alles nachzukochen gibt: selbstgebrautes Bier, Zwetschkenknödel mit Topfenteig, Frankfurter Würstel (Rezept von 1950), Haselhuhn und Auerhahn (nicht zum Nachmachen empfohlen!, ein kleiner Erfahrungsbericht voller Tücken und mit der Erklärung der Frage, was ein Haselhuhn ist).

"Essen und trinken mit Stifter", so der Untertitel, vereint also drei Funktionen: Stifter-Biografie, praktisches Kochbuch und Lebensgeschichte als Essensgeschichte. Wußten Sie zum Beispiel, daß die Frankfurter Würstel im Mai 1805 erfunden wurden, von einem fränkischen "Aufhackknecht", der auf seiner Walz nach Wien kam, wo er in der Neustiftgasse erstmals die neue Wurstmischung erzeugte. In Erinnerung an seine Frankfurter Lehrzeit nannte er sie "Frankfurter". Stifter scheute weder Kosten noch Mühen - freilich die seiner Freunde, da er gerne und oft auf Pump lebte - und ließ die "edlen Würste", die es nur in Wien, nicht aber in Linz, wo Stifter wohnhaft war, gab, regelmäßig per Pferdepost schicken.

Wie das Leben so spielt. Interessant ist, wie Palm auf Stifter gestoßen ist: "Bis vor einigen Jahren wäre ich freiwillig nicht bereit gewesen, ein Buch von Adalbert Stifter zu lesen. Das Bild, das ich bis zu diesem Zeitpunkt von Stifter hatte, war das eines langweiligen, spießigen, biedermeierlichen Blumen- und Käferpoeten, dessen Bücher einen allein schon aufgrund ihrer Titel zum Gähnen brachten". Das ändert sich durch einen Zufall. Palm, auf Tour quer durch Amerika mit dem Bus, möchte eigentlich "Tristram Shandy" als Lektüre mitnehmen, greift aber daneben im Regal und packt irrtümlicherweise den "Nachsommer" ein. Ein Irrtum, der schon richtig war.

Karin Cerny
9. November 1999

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