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Adolf Placzek: Wiener Gespenster.

Wien: Zsolnay, 2000.
111 S., geb.; öS 197.-.
ISBN 3-552-04965-7.

Link zur Leseprobe

Traumfahrt mit der Familie - so hieß das erste schmale Bändchen des geborenen Wieners und Exilanten Adolf Placzek. In ihm beschreibt der Autor eine jüdische Familiengeschichte im Spannungsfeld von alter Heimat, Vertreibung durch die Nazis und dem Fremdsein im amerikanischen Exil. Wer befürchtete, der zweite Band mit dem Titel "Wiener Gespenster" sei eine direkte Fortführung oder gar eine Art Kopie des ersten, hat sich getäuscht.

Das Thema der bei Zsolnay erschienenen Erzählung ist zwar dem der "Traumfahrt" ähnlich. Auch in "Wiener Gespenster" geht es um die leidvollen Erfahrungen im amerikanischen Exil. Doch das "Setting" der Geschichte ist ein anderes. Kein Traum wird hier beschrieben, sondern der traurige Alltag einer kleinen jüdischen Familie aus Wien. Im Zentrum steht dabei Carl Weiss, vormals - das heißt: vor dem Krieg - Literat und Intellektueller, jetzt "Packerlschupfer" ("shipping clerk"). Weiss lebt mit seiner alten Mutter und der Schwester Lisa in einer kleinen Wohnung in Manhattan. Während New York bei vielen wohl glamouröse Bilder hervorruft, ist die geflohene jüdische Familie tagtäglich mit der harten (Arbeits-)Realität in einer Millionenmetropole konfrontiert.

Denn es ist nicht unbedingt eine besonders spannende Arbeit, die Carl da erledigen muss. Doch das Aufstehen in der Früh fällt auch aus anderen Gründen besonders schwer: "Der Morgen war immer gänzlich ohne Gesang; weder das leiseste Vogelzwitschern noch das Läuten von Kirchenglocken war zu hören." (S. 14) Der Weg zur Arbeit führt ihn regelmäßig seine Einsamkeit und Wurzellosigkeit vor Augen: "Dann standen sie dicht gedrängt in dem erstickend heißen Wagen des Zugs, so dicht gedrängt, dass Carl nicht einmal versuchte, seine Zeitung zu lesen. Da war kein Wiener Kaffeehaus für sein Zeitungslesen vor dem Beginn der Arbeit." (S. 14) Carls Job ist hart, besonders in den stickigen Sommermonaten. In der Mittagspause steckt man sich geschwind einen Sandwich in den Mund, auf ein freundschaftliches "Plauscherl" muss mangels Gegenüber verzichtet werden. Selbst das Flirten mit den Frauen gelingt schon lange nicht mehr so wie in der alten Heimat.
Die Leichtigkeit fehlt, Carl ist grau und unattraktiv.

Auch seiner Schwester geht es nicht viel besser. Sie arbeitet in einem billigen Hutgeschäft und wartet schon lange vergebens auf den richtigen Mann. Doch die große Liebe hat sie schon hinter sich - sie hat durch das "Dritte Reich" ein jähes Ende genommen. Eines Tages - es ist ein lauer Sommerabend, und Lisa hat sich entschlossen, noch einen Spaziergang zu machen - trifft sie einen alten Bekannten aus Wien. Er - ein "Gespenst" im Central Park - überbringt ihr die traurige Nachricht, die endgültige Gewissheit über das Schicksal ihrer großen Liebe: "Sie haben ihn nach Auschwitz abtransportiert, als er nicht mehr arbeiten konnte." (S. 94)

Bleibt nur noch die alte Frau Weiss. Sie verbringt ihre einsamen Tage in der Wohnung, geschützt vor dem unerträglich schwülen Klima der Großstadt. Auch sie sehnt sich nach den "glory days", nach Kaffee-Tratschereien mit Freundinnen und Ausflügen ins Grüne. Am Ende stirbt Frau Weiss. Das Begräbnis ist so unauffällig, so nebensächlich wie ihr Dahinvegetieren im großen Manhattan. "Dies wäre im Grunde eine völlig belanglose Geschichte [...]", heißt es dann, "wenn nicht so viele in jenen Jahrzehnten Ähnliches erfahren hätten, gleich, von welchen Stätten, ruhmreichen oder geringen, sie hatten aufbrechen müssen und in welchen neuen Stätten sie Zuflucht gefunden hatten, und wenn nicht auch in diesen halbzerstörten Wesen die große Sehnsucht, Getreulichkeit und Ausdauer wach geblieben wäre, die am Ende wie ein Triumph ist." (S. 103)

Adolf Placzeks zweite Erzählung ist nicht nur ein menschliches, sondern auch ein überaus poetisches Dokument des Exils, eine eindringliche Reise in den schalen Alltag von Menschen, deren "Sehnsucht, Getreulichkeit und Ausdauer" wahrhaft beschämen.

Peter Stuiber
25. April 2000

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