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Erika Pluhar: Der Fisch lernt fliegen.

Unterwegs durch die Jahre.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2000.
299 S., geb.; DM 39,90.
ISBN 3-455-05955-4.

Link zur Leseprobe

Wenn man Glück hat, findet man in einem autobiografischen Werk Schlüsselsätze wie diesen: "Außerdem bin ich Protagonistin und trage Verantwortung." Es tritt auf: Kammerschauspielerin Erika Pluhar in der Rolle der mahnenden Stimme der Nation.

Pluhar nimmt sich mächtig ernst ist dieser Paraderolle, die sie natürlich als Hauptrolle anlegt, und zwar so, als hinge das moralische Fortbestehen der Menschheit ganz allein von ihr ab. Das vorliegende Sammelsurium von Briefen, Texten zu CDs, verstreut in Zeitungen erschienenen Artikeln oder Leserbriefen, Reden, Skizzen für ein Drehbuch etc. der Schauspielerin Erika Pluhar zeugt auch insofern von Eitelkeit, als Pluhar keinen noch so lang zurück liegenden und durchaus querulantischen Brief nicht aufgehoben hätte und jetzt öffentlich macht. Thomas Bernhard sieht sie mit leicht gesenktem Kopf durch die Stadt gehen, schon schreibt sie einen Brief an "diesen stillen schmerzlichen Menschen", worin sie ihm rät, sich von Claus Peymann fern zu halten. "Ich will ihn nicht als siamesischen Zwilling des derzeitigen Burgtheaterdirektors sehen!" Thomas Bernhard antwortet natürlich nicht, wie übrigens auch Vaclav Havel, dem sie vom Bau von Atomkraftwerken abrät. Als Bernhard kurz darauf stirbt, nimmt sich Pluhar so wichtig, dass sie sich sogar schuld an seinem Tod fühlt. In einem Kommentar, der jedem Text folgt und in der 3. Person verfasst ist, schreibt sie: "Bald, nachdem sie diesen Brief an Thomas Bernhard abgesandt hatte, starb dieser. Sie weiß nicht, ob er ihn überhaupt je zur Kenntnis genommen oder gelesen hatte. Trotzdem hatte sie kurz das Gefühl, seinen Tod mitverursacht zu haben."

Pluhars Briefe beginnen gerne einfühlsam, um dann ins Zurechtweisende umzuschlagen. In ihrem unermüdlichen Kampf gegen Claus Peymann schreibt sie an Bundeskanzler Franz Vranitzky: "Und sogar die vielgepriesene 'Jugend', die jetzt angeblich und oft zitiert ins Theater strömen soll, ähnelt fatal dem Jugendkult, mit dem sich jedes faschistische System etabliert." Pluhar schießt gerne über's Ziel hinaus. Zu Peymann gehört der Faschismus und zu Waldheim das Waldsterben.
"Wo bleibt die gleiche wütende Erregung vor der Tatsache des sich vergrößernden Ozonlochs, der sterbenden Regenurwälder, des an Wahnsinn grenzenden Fleischkonsums usw. usw.?"

Überall wittert Pluhar Entmenschlichung und wettert gegen Parteien, Organisationen und das "Establishment". Künstler müssen machtlos bleiben, um gegen die Macht zu kämpfen. Pluhar fühlt sich wohl mit einfachen Slogans, die sie ihr Leben lang leiten: Wider den Zeit-Geist! Wider den Kommerz! Eines der vielen - man muß sagen zum Glück - nie verwirklichten Projekte ist die Idee zu einer Revue mit dem Titel "Fußgängerzone". Dort stehen Geschäfte, ein McDonalds Schnellimbiß, den man Mic Dunald nennen könnte, so Pluhar, "um Scherereien zu vermeiden". Es treten auf: entmenschlichte Menschen, die folgendermaßen aussehen: "in zynischer Gewandung, alle Arten heutiger Uniformiertheit vorweisend (den 'ausgeflippten' Irrsinn, den Collegestil mit Nazi-Haarschnitt, Kolonialismus, Prostituiertenkleidung in Leder oder Unterwäsche, Militarismus, Luxuswahn, usw.)." In der Mitte der Bühne muß man sich einen riesigen Phallus als wasserspeienden Brunnen vorstellen und die Menschen als moderne Zombis: "Der Boutiquen-Verkäufer (ein junger, modisch gekleideter Mann, der sich somnambul nur noch im Rhythmus der Rock-Musik bewegt)." Wo so viel Verzweiflung ist, erwächst natürlich Rettung. Die "Menschlichkeit" bricht in Form einer "Gruppe von Straßenmusikanten" ein und trägt unter anderem das Gesicht von Erika Pluhar. So einfach ist das. Und fast könnte man neidisch werden, wie klar und ungebrochen egozentrisch Pluhars Weltbild gebaut ist. Jemand schreibt Brief um Brief, reicht Projekt um Projekt ein, und kaum etwas wird verwirklicht. Trotzdem bleibt Pluhar unbeirrbar - und Protagonistin. Vielleicht kann man davon ja wirklich etwas lernen. Obwohl: Etwas Selbstironie ist schon auch schön und wichtig.

Karin Cerny
3. Juli 2000

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