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Manfred Rumpl: Ihr Mann und der Fremde.

Wien: Luftschacht Verlag, 2008.
206 S., geb.; Eur [A] 19,90.
ISBN 978-3-902373-31-1.

Projektpartner: readme.cc - Neue Literatur aus Österreich

Link zur Leseprobe

Literarischer Porno, wie der Verlag ihn bewirbt, ist Manfred Rumpls Roman keiner. Die Gratwanderung entlang expliziter, teils sadomasochistischer Szenen meistert der Autor ebenso stilsicher wie einfühlsam.
Nach Faust in "Fausts Fall" (2007) lässt der 1960 in der Steiermark geborene, in Wien lebende Manfred Rumpl nun ein Paar buchstäblich aus dem Leben kippen: die knapp vierzigjährige Valery Zett aus dem Fenster des Hotel Terminal an der Wiener Westbahn und darauf ihren etwas älteren, bloß mit Nachnamen bezeichneten Ehemann aus seiner rational determinierten Lebensbahn.
Auktorial erzählt Rumpl den Werdegang des Paares bis zu Valerys rätselhaftem Unfall, in perspektivisch und chronologisch abwechselnden Kapiteln und über zwei Romanetappen – "Vorspiel" und "Spiel", ehe im "Nachspiel" Tochter Ida die Todesumstände aufzuklären versucht.
Ausgangspunkt ist Valerys hinterlassenes Tagebuch, das ihr Doppelleben als Ehefrau und Prostituierte dokumentiert und schließlich ihren Mann völlig traumatisiert. Rumpl schafft mit diesen Aufzeichnungen einen Spannungsbogen, der ein halbes Jahr nach Valerys Tod beginnt und retrospektiv mit Zitaten aus dieser Lust- und Schmerzensschrift endet.

1984 lernen sie einander auf einer Firmenfeier kennen und heiraten aufgrund ihrer Schwangerschaft. Während sie ihr Studium aufgibt, arbeitet er an seiner Karriere als Ingenieur für Papiermaschinen. Valery ist den gemeinsamen Kindern Christian und Ida eine verständnisvolle Mutter, kümmert sich um das Vorstadthaus im Grünen und erduldet Zetts kleinliche Maßregelungen. Für ihn, der sein Glück erfüllt und bald verblassen sieht, wird die Familie zu einer irrationalen Größe, die er mit beruflicher Lösungsorientierung kompensiert. Die Distanz, die der katholisch-konservative Logiker wortkarg und sexuell unbefriedigend demonstriert, wird nach zehn Jahren ihm zuteil: Valery sucht sich eine Halbtagsstelle bei einer Versicherung, Ida entzieht sich ihm und Christian entwickelt partout kein Technikinteresse. Prototypisch für die Kommunikationslosigkeit in solchen Ehen wird auf Medien zurückgegriffen, welche die Diskrepanz noch betonen – ihr Tagebuch wird zum Sehnsuchtsreservoir, sein Fernseher zur Fluchtprothese. Beides befriedigt nicht. Verzweifelte in Rumpls letztem Buch ein Philosoph an der Karrieregesellschaft, schlägt nun eine über Zeit philosophierende Frau die Prostituiertenkarriere ein. Mit einem ausgeprägten Sinn für erzählerische Dramaturgie öffnet der Autor das melancholische Haus, das lange nicht mehr Liebe hieß, ins (vermeintlich) Freie der Lust.

Die Familie im Glauben einer freiberuflichen Keilertätigkeit lassend, sucht Valery von einer Agentur vermittelte Freier auf, ehe der titelgebende Fremde sie kontaktiert und ihr stumpf gebliebenes Leben elektrisiert. Schwartz, dessen Echtnamen erst Ida enthüllen wird, dirigiert sie durch Wien, lässt sie warten, in ständiger Bereitschaft und ohne mit jemandem zu schlafen. Und tatsächlich steigert sich über die erotische Imagination ihr Begehren, in Kellern und Umkleidekabinen arrangiert Schwartz sadomasochastische Begegnungen, wann und wie es ihm passt. Unter einer Maske gefesselt und gespreizt, wird sie sich nach dem Penetrationsakt "wiedergeboren" fühlen: "Diese Stunden sind ihr nicht einfach passiert wie so vieles in ihrem Leben, sie selbst war es, die sie durchlebte, mit einer Intensität, die stärker war als die Flucht der Zeit." Doch bald gerät die Leidenschaft zur Liebe als "höchste Realität" und eine neuerliche Abhängigkeit bahnt sich an, einseitig wie ehedem.
Über Valerys Zeit vor der zwanzig Jahre währenden Ehe möchte man gerne mehr erfahren, post mortem analysiert schlussendlich die Tochter das Leben bzw. den Tod ihrer Mutter. Idas detektivische Leistung, den Fremden aufzuspüren, verlegt Rumpl ins Jahr 2010.

Eheliche Pseudo-Arrangements, Neurosenherde, Leidensdruck, Sadomasochismus, Stimmungsfarben zwischen Grelle und Düsternis...
Manfred Rumpl ist ein psychologisch einfühlsamer, detailgenauer, intelligenter Existenzroman zwischen Einsamkeit und Lust gelungen, deren philosophische Übersetzung als Schwerkraft und Zeitlosigkeit er konsekutiv am Ende festmacht – dem Zett des Lebensalphabets.

Roland Steiner
14. Mai 2008


Originalbeitrag

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