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Elisabeth Reichart: Die unsichtbare Fotografin.

Roman.
Salzburg-Wien: Otto Müller, 2008.
294 S.; geb.; Eur 22,-.
ISBN 978-3-7013-1151-4.

Link zur Leseprobe

Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Oder – wie in Elisabeth Reicharts jüngstem Roman – im Objektiv der Betrachterin: "Die unsichtbare Fotografin" ist weniger auf der Suche nach dem Wahren, als vielmehr auf der Jagd nach dem Schönen. Die Welt im Bild ist eine Welt der Ästhetik, und die Frau hinter der Kamera verschwindet in den Formen und Farben im Licht. Sie verliert sich aber nicht darin, sondern betrachtet das Schöne in der Welt professionell durch den Sucher der Kamera.
Verloren ist sie nur, wenn es auf einmal doch um Werte geht. Um Freundschaft, Liebe und Verrat, um Wertigkeiten und Bewertung, darum, ob man den Augen trauen kann. Und ob man Menschen trauen kann.

Zunächst ist alles locker leicht. Shanghai, Tokio, New York – ein unstetes Leben in Hotelzimmern und Flugzeugen, keine immobile Habe, gebunden an kein Land. Alice reist von von einer Metropole in die andere, mit einem Blick, der konserviert, was andere sehen möchten. Sie lebt von dem, was andere in ihr sehen. Jetset und Erfolg, kein übles Dasein. Ermüdend zwar, doch immer spannend.
Alice liegt in ihrem Hotelzimmer und schaut Nachrichten und versteht kein Wort und erst da wird ihr bewusst, wo sie ist: in Shanghai.

Die Konstanten in Alice' Leben sind die Vertrautheit der Hotelzimmer und ein weitmaschiges Netz zwischenmenschlicher Beziehungen, das sich über den halben Erdball spannt. Ein Knotenpunkt ist Bruder Bob, bei dem sich alles um sein Schreiben dreht, um seine Sicht der Welt, in der er sicher ist, felsenfest überzeugt von sich und seinen Sätzen, geerdet in sich selbst, festgemauert egozentrisch. Bob ist wie ein Anker für Alice, als alles um sie Wellen schlägt.

Die anderen Konstanten werden bald abhanden kommen. Es beginnt mit Li, dem chinesischen Dolmetscher, der – einst distanzierter und manchmal lästiger Begleiter – erst zum Liebhaber mutiert und dann zum Verräter. Fotos tauchen auf, die Folterszenen zeigen und Alice' Handschrift tragen. Die Kindheitsfreundin in Amerika dreht durch und vergräbt ihr Haus im Müll, ihr Mann ein einziger Verfolgungswahn. Eine Bekannte in Mexiko wird entführt, gefoltert und kommt ganz leer zurück. Ein Schamane, ein Enthüllungsjournalist, ein Meisterfotograf und einstiger Lehrer, alle sagen und tun sie Dinge, die Alice an sich selber zweifeln machen. Und an ihrer Sicht der Welt.
Die Sicherheit liegt in der Wahrnehmung. Aber wie unabhängig sind wir in unserer Weltsicht von den Urteilen anderer?

Wenn Alice verliebt ist, dann verliert sie sich im anderen. Aber auch wenn sie nicht verliebt ist, sind die Dinge offenbar nicht immer so, wie sie scheinen. Wenn der Bruder über ihre Kindheit schreibt, erkennt sie kaum etwas wieder. Das liegt nicht nur daran, dass Bob in Worten denkt und sie selbst in Bildern. Es ist offenbar eine andere Kindheit, die er erlebt hat. Sie war auch dabei und doch nicht. Krasser nur noch Vaters Tagebücher, in denen er ausschließlich notiert hat, was es zum Essen gab. Ein Leben aus Schweinsbraten, Erdäpfelgulasch und Apfelstrudel, in Summe zum Kotzen. Hat er nichts anderes gesehen? Nichts anderes wert gefunden, bewahrt zu werden?

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, heißt es bei Ingeborg Bachmann. Aber wo ist die Wahrheit? Was ist die Wahrheit? Wie erkennen wir die Wahrheit? Mit welchen Mitteln, über welche Kanäle? Was ist wahrer: ein Text oder ein Bild oder eine Erinnerung oder die Gegenwart rund um uns herum? Wir können nur erkennen, was wir wahrnehmen, in uns aufnehmen, was wir hören, sehen. Sehen ist für uns nicht selten ein Synonym für Erkennen. Wir sehen etwas ein oder auch nicht. Wir sehen Chancen und Probleme oder sehen sie auch nicht. Wenn zwei Menschen nebeneinanderstehen und in dieselbe Richtung blicken, sehen sie doch selten dasselbe. Denn die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

 

Sabine Dengscherz
20. August 2008


Originalbeitrag

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