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Gerhard Ruiss, Oswald von Wolkenstein: Herz, dein Verlangen.

Lieder. Nachdichtungen.
Band II.
Bozen, Wien: Folio Verlag 2008.
Geb., 152 S., Euro [D/A] 22,50.
ISBN 978-3-85256-448-7.

Link zur Leseprobe

Oswald von Wolkenstein ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters. Kaum ein anderer hatte ein so bewegtes Leben, von kaum einem anderen existieren so viele Lebenszeugnisse, auch deshalb, weil Oswald in zahlreiche Rechtsstreitigkeiten verwickelt war.
Geboren wird er um 1376, höchstwahrscheinlich auf Burg Schöneck im Südtiroler Pustertal. Er wird zum Ritter ausgebildet, erleidet um 1402 Schiffbruch im Schwarzen Meer, wird später Hauptmann des Gotteshauses Brixen, unternimmt eine Pilgerreise zum heiligen Grab, ist Teilnehmer am Konstanzer Konzil, das die Kirchenspaltung von 1378 beenden soll. Er begleitet König Sigmund nach Frankreich, wird in den "Orden von der Stola und Kanndeln und dem Greifen" (Aragonesischer Kannenorden) aufgenommen. 1417 heiratet er, vier Jahre später wird er wegen eines Erbschaftsstreits gefangen genommen und ein Jahr später gegen eine Bürgschaft von 6000 Gulden freigelassen. Dafür muss er sein Vermögen seinem Bürgen Hans von Villanders verpfänden. 1425 ist die erste Handschrift seiner Lieder fertig, kurz darauf entbrennt ein langwieriger Rechtsstreit um den verpfändeten Besitz, der erst nach seinem Tod beendet werden wird. Oswald nimmt 1431 am Nürnberger Reichstag teil, er reist nach Italien und in die Schweiz. 1432 ist die zweite Handschrift seiner Lieder fertig. 1445 stirbt er in Meran und wird im Kloster Neustift bei Brixen beigesetzt.

Gerhard Ruiss hat nun den zweiten Band seiner Wolkensteinschen Nachdichtungen herausgegeben: "Herz, dein Verlangen" heißt das ansprechend gestaltete Buch. Ruiss versteht sich nicht als detailgenauer Übersetzer der alten Texte in unser heutiges Deutsch – das ist Sache der Mediävisten – sondern er dichtet nach. Dabei nimmt er sich so viel Freiheit, wie er braucht, bleibt damit recht nah an den Originaltexten und tritt als Autor hinter Oswald zurück, was nicht nur löblich, sondern auch klug ist.

Oswald hat ein vielfältiges, thematisch reiches Werk hinterlassen, das von Tageliedern über politische Lieder und Lehrgedichte bis zu recht frommen Liedern reicht. Ruiss hat seine Nachdichtungen thematisch in drei Kapitel gegliedert: "liebt", "lebt" und "vergeht": die Liebe, das Leben, der Tod.
In "Wohlauf, Gesell" beschreibt Oswald eine Hirschjagd, wobei er allerhand Fachausdrücke verwendet. Zu lesen ist das Lied aber als allegorische Minnejagd: "Wohlauf, Gesell,/wer jagen will,/wird nicht zu laut, sei nicht zu wild,/wart/unverzagt,/bedacht, Gunst und Stunde ab./Freud, nicht/so verschwenderisch!/Bei Fuß, Lieb und Trost!/Leid und sonstiges,/gibt's was Dümmeres?/Lauft zu,/es ist noch früh,/hin, Rück,/schließ auf, los, Glück!"
Auch im Lied "Leg ab, los, laß", in dem Oswald eine Palästina-Fahrt beschreibt, spielt er mit Fachausdrücken: "Den Bug voran,/Richtung Levant,/und wer dir hilft, ist dir bekannt./Schieb an, Ponant,/weiter geht's nach Osten. Das Segel faß,/zieh hoch am Mast,/bis ganz hinauf/ empfang den Gast./Taifun, halt Rast,/die Beine laß am Boden."
Oswald kann bei aller Verspieltheit auch sehr politisch sein. Im Lied "Ein jeder grüner Schnabel kann's" etwa kritisiert und verhöhnt er Jan Hus, dessen Name auf Tschechisch "Gans" bedeutet: "Ein jeder Vogel in der Welt/hat seinen Platz und verdient sich seinen Lohn,/nur nicht die Gans, die sich gefällt,/links und rechts mit dem gekrümmten Teufelshorn."

Viele seiner Lieder sind autobiografisch geprägt, in "Mensch, komm zu dir" thematisiert er etwa seine Gefangenschaft: "Die Beine streck,/wenn's geht, so angeschirrt sind sonst die Pferde,/ich kann auf ihnen nicht mehr steh'n./Von ihr eine Gebärde/macht mich jetzt zum Gefangenen./Ich stand ihr bei, dafür werd ich bestraft.//An Daumen, Armen und dem Hals/bin ich angeschmiedet./Wie beißend, Frau, schmeckt mir das Salz,/das dein Lager bietet./Ich fand dich, habe ich gehofft,/nun hoffe ich auf Gott, den Stoff zum Rock."

Das Faszinierende an Oswalds Liedern ist wohl, dass sie die Brüchigkeit der spätmittelalterlichen Welt deutlich sichtbar machen. Oswalds Literatur ist nicht so streng wie die seiner Vorgänger, sie ist variantenreicher, lebendiger, verspielter, erlaubt sich satirische Seitenhiebe. Dabei aber war Oswald sehr formbewusst – Metrik, Reim, Strophengliederung waren ihm äußerst wichtig. Deshalb ist er kein Dichter, der einfach nachzudichten wäre. Gerhard Ruiss hat in seinen Nachdichtungen die Formvorgaben wo immer es geht eingehalten, er hat Oswalds Texte modernisiert, ihnen ihren spätmittelalterlichen Charakter aber nicht genommen. Seine Übertragungen sind äußerst gelungen und eine hoch einzuschätzende literarische Leistung. Man kann sich deshalb auf den dritten Band seiner Nachdichtungen nur freuen.
Sehr hilfreich sind übrigens die Originaltexte der Lieder, eine Zeittafel zum Leben des Dichters und bibliografische Hinweise, die dem Unkundigen notwendige einführende Informationen und dem Kundigen die Möglichkeit zur weiteren Beschäftigung mit Oswald von Wolkenstein geben.

 

Peter Landerl
9. Oktober 2008


Originalbeitrag

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