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Leseprobe: Sophie Reyer - "Vertrocknete Vögel."

Er roch nach Schweiß und After-Shave, schmeckte nach Nikotin aus dem Mund. Und: auf einmal die Leichtigkeit der Dinge; manches kam wieder an deine tieferen Schichten, du hast dich gehäutet, deine Brüste wuchsen. Aber dann auch der Speck in den Hüften und das Kotzen wurde wieder mehr und dein Bruder hat dich dafür gerüttelt. Dann wurde der Vogel krank. Der Arzt sagte, er würde von innen her austrocknen, du bist an seinem Käfig gesessen immer gleich nach der Schule und die Mutter stellte dir immer wieder Teller daneben hin, eines Tages mit flaumigem Pürre, als sie die Tür deines Zimmers zugemacht hat hast du es in dich hineingestopft das flutscht so leicht hinunter wenn nicht mehr heiß und du hast nicht gekaut nicht geschmeckt nur mehr davon. Dann bist du aufs Klo gelaufen. Dein Freund hat dich verlassen, der Vogel lag einige Tage später abgemagert im Käfig.
Du zogst keine Schlabberpullover mehr an.

Durch das Fenster brennt die Hitze ins Wohnzimmer; sie erhebt sich schnell und zieht die Vorhänge zu. Dann: in die Küche, aus dem Kühlschrank eine große Mineralwasserflasche nehmen, in die Tasche packen, auch die Babynahrung für das Kind, zwei Schoko-Riegel. Das Kind fährt währenddessen mit dem Traktor über die Kacheln der Küche und ins Wohnzimmer, da gerade durch, das Wetzen der Räder auf dem Teppich, das Kind hebt die Beine hoch und stößt sich ab, sodass der Plastiktraktor rollt, bis es wieder auf der anderen Seite der Küche angelangt ist. Dazu ruft es laut: Fahren, fahren.

Der Bruder will nicht zum Onkel und seine Hände liegen jetzt auf seinem Schoß, lose, als gehörten die Finger nicht zu ihm. Du verstehst nicht wie kann es der Mama nicht gut gehen und wieder die Fratze im Wohnzimmer die Mama ist weich und aus Plastilin und der Bademantel lässt sich leicht öffnen zwischen ihren Beinen, sodass du durchgehst und unter ihrem Geschlecht bist und es dir dort warm machst oder sie spielt Klavier und singt lustige Lieder, die Augenlider des Bruders wandern aufeinander zu er presst die Lippen gegeneinander und einer seiner Füße beginnt, auf und ab zu zucken.
Du presst dir die Tränen aus den Augen.

(Damals gab es keinen Vogel.)

(S. 28f.)

© 2008 Leykam Buchverlag, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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