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Leseprobe: Elisabeth Reichart - "Die unsichtbare Fotografin."

Ich ging in mein Zimmer, sehnte mich bereits wieder nach einem Hotel, in dem kein Hausherr über mich verfügen konnte, schaltete trotz meiner Müdigkeit den Computer ein. Vor mir tauchte Frida auf, eine sich wiegende Frida, ihre Kinder, die Nachbarinnen mit den Kindern, Frida im Krankenhaus – der Schamane hatte recht: auf den Fotos war kein Schatten, auf den Fotos war er zu sehen, wie er hinter Frida stand und ihren Kopf berührte, er über ihr schwebte und sich ihr Gesicht veränderte, bis es zuletzt entspannt wirkte, und dann hielt ich den Atem an. Auf den Bildern, die ich von Josef vor seiner Hütte gemacht hatte, war nicht er zu sehen, sondern ein Schatten, dessen Urheber unsichtbar blieb, obwohl ich fast zwanghaft Josef vor mir sah, es mir nur mit größter Anstrengung gelang, das Foto so wahrzunehmen, wie es auf dem Bildschirm war: ein undefinierbarer Schatten auf einer Hüttenwand. In diesem Augenblick war ich mir sicher, dass mir Josef mit diesen letzten Fotos etwas sagen wollte. Sollte er auf meine verquere Menschenwahrnehmung anspielen, waren ihm Lilly und David zuvorgekommen und vor allem Li. Oder war mein Manko viel größer, als ich bisher ahnte? Sollte ich den Augen nicht länger vertrauen, meinen über alles geliebten Augen, vor allem meinem Kameraauge, hinter dem ich so problemlos verschwinden konnte, außer, aus einem Menschen wird ein Schatten und aus einem Schatten wird ein Mensch, das machte das Kameraauge ebenso unheimlich wie die eigenen Augen. Ich hörte wieder seine ruhige Stimme, die gleichzeitig drängend klang, als er mich aufforderte, mir selbst zu glauben, nicht den anderen. Warum hätte ich mir einreden lassen, Fotos gemacht zu haben, von denen ich sicher sei, dass sie unmöglich von mir sein konnten? Und wie viele Stimmen seien nötig, um meine eigene unwichtig werden zu lassen?
(S. 253f)

© Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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