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Kathrin Resetarits: vögel sind zu besuch.

Wien: Czernin Verlag 2007.
154 Seiten, geb., Euro 19,80.
ISBN 978-3-7076-0244-9.

Link zur Leseprobe

Ein Buch, auf dessen Cover fliegende Fische vor einem Eisberg zu sehen sind und das noch dazu den kindlichen Titel "vögel sind zu besuch" trägt, kann nicht unbemerkt bleiben. Der Text, der dem Umschlagbild folgt, enttäuscht die Erwartungen nicht: die etwa fünfzig Geschichten des Bandes verstören nicht minder als die Fische, die mit stechendem Blick und offenem Maul ins und aus dem Wasser springen.

Der Kurzprosaband ist der Bucherstling der Wiener Schauspielerin, Filmemacherin und Regisseurin Kathrin Resetarits, und es ist ein definitiv gelungener. Die großteils kurzen Texte haben alle eines gemeinsam: sie entwickeln eine Absurdität in der Tradition eines Ionesco oder den Surrealismus eines Hildesheimer und sind immer aus der Perspektive eines Einzelnen – mal in der Ich-Form, mal in der Er-Form – erzählt. Hauptschauplatz der meist unfassbaren oder aberwitzigen Ereignisse ist Wien; einige Geschichten sind in der österreichischen Provinz und manche sogar auf anderen Kontinenten angesiedelt.
Die stets pointierten, ja beinahe lehrhaften Prosastücke bilden Lebenswelten unmittelbarster Gegenwart ab: ihre Individuen – ausnahmslos merkwürdige Außenseiter oder zu solchen Gewordene – schlagen sich mit unlösbaren Problemen herum, die nicht selten das Ergebnis postmoderner Gesellschaft und ihrer Lebensformen sind. Da hat man es mit begabten Studienabbrechern zu tun, die zu keiner angemessenen Tätigkeit finden, mit versagenden Wunderkindern, mit allein erziehenden Müttern, die in der völligen Abkapselung ihr Glück finden oder solchen, die ihre Liebesunfähigkeit dem Kind gegenüber klipp und klar artikulieren, mit hoffnungslosen Puppenschneidern und Zirkusmenschen, mit ungeschickten Wandertheatertruppen, mit Gaunern und ihren moralisch integren Kindern, mit verzweifelnden Müttern versagender erwachsener Söhne und Töchter, mit männlichen und weiblichen Existenzen ohne Chancen auf dem Liebesmarkt, mit Haustierfanatikern, mit Migrationswilligen und glücklichen Heimkehrern, mit gewaltbereiten Mädchen und benachteiligten Burschen, mit sinnlosen Freundschaften und absurden Projekten, mit Jahrmarktschaustellern, Sozialfällen, Pädophilen, Apathischen, Ausgeschlossenen, Unbemerkten und Ziellosen, mit anderen Worten mit Männern, Frauen, Kindern, Jungen und Alten, die auf die eine oder andere Art und Weise leiden, sich aber oft dessen gar nicht bewusst sind.

Im Grunde genommen sind Resetarits Geschichten eine Galerie des Scheiterns und vor allem des sozialen Versagens, ein Katalog großer Einsamkeiten. Davon scheint die Autorin tatsächlich einiges zu verstehen: die Geschichte der jungen Frau, die von ihren Arbeitskollegen hartnäckig ignoriert wird, macht durch ihre detaillierte Beschreibung betroffen und ist tieftraurig, genauso die Geschichte des scheinbar wohltätigen Mannes, der es bei Frauen einfach nicht schafft. Eine ganze Reihe von andern "Ichs" traut sich kaum auf die Straße – es sind weitere Beispiele für völlige Unfähigkeit zu einer angemessenen sozialen Interaktion.
Spannender sind jene Situationen und Konstellationen, die eine tiefer gehende – und nicht selten hochkomische – Absurdität zum Vorschein kommen lassen: jemand verausgabt sich völlig für ein absolut lächerliches Ziel. Dies führt mitunter zur (freiwilligen) Zerstörung des eigenen Lebens. Da ist etwa eine Frau, die aus der Aufgabe, ein paar Tage die Katzen der Freundin zu füttern, eine Lebensaufgabe macht. Nach Jahren verlässt sie die Wohnung nur mehr zwecks Vogeljagd – offensichtlich das beste Futter für die vier Tiere – und findet nichts dabei, nach ihrem Ableben selbst den Katzen als Futter zu dienen. Eine andere junge Frau trägt aus Angst vor Infektionen lieber einen bei jeder Tätigkeit störenden Nasenschutz als sich dessen einfach zu entledigen – die Lösungen für durchaus existenzielle Probleme sind denkbar einfach, werden von den Betroffenen aber nicht als solche erkannt. Komplexer – und tragischer – wird es bei einem heranwachsenden Kind (Sohn oder Tochter?) kleinkrimineller Eltern, das verzweifelt ein gesetzeskonformes Leben führen will und dies vergeblich auch den Eltern beizubringen versucht, und dem schließlich nichts anderes übrig bleibt, als – im Stil eines Oskar Matzerath – die Flucht in die Verkindlichung und damit (scheinbare) Verblödung.

Gemeinsam ist fast allen Geschichten – und um solche handelt es sich trotz ihres fragmentarischen Aufbaus – das Ankommen und Verharren und nicht selten das völlige Einrichten in einem (absurden) Zustand, der die Folge einer Reihe von Umständen und Versäumnissen ist. Selbst eiserne Konsequenz kann zu solch einem grotesk-tragischen Endzustand führen – wie im Falle der unbegabten Tänzerin oder des von Erwartungen überforderten ehemaligen Wunderkindes, das nicht aufhören kann zu versuchen seiner Rolle gerecht zu werden.

Interessant ist an den Texten auch eine Fokussierung auf bestimmte Themen. Die Welt des Zirkus, der Wandertheatertruppen, der "Zigeuner" – politische Korrektheit ist hier kein Thema und wäre in diesem Genre tatsächlich absolut fehl am Platz – scheint es der Autorin besonders angetan zu haben: verschiedene Repräsentanten dieser Kontexte bevölkern mehrere Geschichten des Bandes. Damit verbunden ist das schwer abzulegende Los der "schlechten" sozialen Herkunft – und der immer wieder getätigte verzweifelte Versuch eines sozialen Aufstiegs. Auch Fragen der (eher individuellen) Migration und ihrer widersprüchlichen Folgen tauchen immer wieder auf. Tatsächlich verblüffend ist aber vor allem ein enormes Identifikationspotenzial mit all den verschrobenen, über zehn Ecken denkenden, bemitleidenswerten oder allzu gutmütigen und naiven Gestalten: auch himmelschreiend aussichtslose oder widersinnige Situationen, in die die Figuren wie in Käfige eingesperrt sind, leuchten beim Lesen in all ihrer Folgerichtigkeit ein, zumal sie von einem/r offenen, vertrauensvollen und mitteilsamen ErzählerIn dargeboten werden.

"vögel sind zu besuch" muss man schon wegen seines hohen Originalitätsfaktors lesen. Resetarits' Stil ist ungemein präzise und zugleich leicht lesbar, ihre Metaphorik reich an Assoziationssprüngen, untypischen Vergleichen und Vermischungen verschiedener Bedeutungskontexte. Ihre Beobachtungsgabe bringt einen zum Lachen oder zum Weinen, ihre Fähigkeit, das Todtraurige in unmittelbarer Nähe des Banalen zu orten, verstört und macht nachdenklich. Es sind Geschichten, die lediglich feststellen und jeden Kommentar dem Leser überlassen. Sie schlagen ein wie ein Blitz.

 

Jelena Dabic
5. März 2008

Originalbeitrag

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