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Milan Racek: Für ein Leben zu viel.

Roman.
Wien, Klosterneuburg: Edition va bene, 2005.
240 S.; brosch.; Eur 23,90.
ISBN 3-85167-178-3.

Link zur Leseprobe

Am Anfang steht das Ende: Tod und Prosektur. Die zu untersuchende Leiche heißt Franz Kreps. Todesursache: Gehirnschlag - allerdings kann auch politischer Mord nicht restlos ausgeschlossen werden; immerhin befindet man sich in der Tschechoslowakei der frühen 50iger Jahre, in der Schauprozesse, grundlose Verhaftungen und ungeklärte Todesfälle zur Tagesordnung gehören.

Nach dieser Exposition wird das Leben der Hauptfigur vor den Lesern entrollt: Hineingeboren in eine wohlhabende tschechischsprachige Kaufmannsfamilie in Böhmen wird Kreps im ersten Weltkrieg neunzehnjährig an die Ostfront geschickt. Angewidert von der Brutalität des Krieges beschließt er zu desertieren. Franz - warum er einen deutschen(!) Vornamen trägt, wird leider an keiner Stelle erklärt - gerät in russische Kriegsgefangenschaft, tritt später aber, um dem Lagerleben zu entfliehen, der tschechoslowakischen Legion bei, die an der Seite der Weißen gegen die Rote Armee kämpft.
Erst im Herbst 1920 kann Kreps mit seiner zukünftigen Frau, einer russischen Adeligen, in die junge tschechoslowakische Republik zurückkehren. Kreps' traumatisierter Gattin - ihre Eltern haben Selbstmord verübt, um nicht von Rotgardisten massakriert zu werden - fällt es schwer, im neuen Land Fuß zu fassen. Dafür gelingt es Franz, beruflich und gesellschaftlich zu reüssieren.
Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau geht Kreps eine zweite Ehe ein. Das wiedergefundene Familienglück hindert ihn allerdings nicht daran, in den 40iger Jahren gemeinsam mit seinem Bruder eine Widerstandsgruppe gegen die nationalsozialistische Okkupation zu gründen. Auch nach Kriegsende beweist Kreps Mut. In der Hatz auf alle Deutschen stellt Kreps neuerlich seine Integrität unter Beweis. Er riskiert seine Stellung als Schulleiter, indem er einen einflussreichen kommunistischen Lehrerkollegen des Mordes an einem Sudetendeutschen überführt.

Der Autor macht aus seiner Sympathie für Franz Kreps keinen Hehl, dennoch bleibt einem die Hauptfigur - wie auch die anderen ProtagonistInnen - seltsam fremd. Es fehlen die psychologisch stimmig gezeichneten exemplarischen Szenen, die das Fühlen, den Charakter der Personen nachvollziehbar machen. Was in den Figuren vorgeht, lässt sich nicht erschließen, es wird vom Autor lediglich behauptet: "Die Rolle des Vaters dürfte für das Familienoberhaupt doch nicht so schwierig gewesen sein, da sich für den Herbst 1943 weiterer Zuwachs angekündigt hatte. [...] Franz war [...] von seinem Sohn derart begeistert, daß er imstande war, stundenlang am Bett zu sitzen und den Schlaf des Kleinen zu überwachen. Dabei ordnete er seine Gedanken über den Stellenwert der Familie und begann, diese über für ihn bis dahin wichtigere Dinge, wie zum Beispiel Arbeitserfolge, Karriere, aber auch freizügige Lebensart zu stellen. Es war die Zeit, in der er immer mehr zum "Familienmenschen" wurde." (S. 159) Zwei Seiten später setzt Kreps seine Frau davon in Kenntnis, eine Widerstandsgruppe gegründet zu haben. Dass sich das mit "Familienmenschentum" nur schlecht verträgt, scheint dem Autor gar nicht aufzufallen.

Problematisch wird es auch dann, wenn sich Racek daran macht, sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu schildern. Letztere verfügen natürlich über eine nur Frauen eigene Intuition bzw. haben die "Logik einer Frau". Daher wohl sehnen sie sich nach Mann und Muskel: Alexandra etwa "konnte ihren Blick von seinem zart muskulösen Körper nicht befreien, [...] (S. 76) und Maria "bewunderte seinen muskulösen Körper und sehnte sich danach, ihn zu berühren." (S. 134). Eine russische Bäuerin, genauer: "eine rassige, im Dorf einschlägig bekannte Witwe" (S.  53), pirscht sich unter dem Vorwand Brennholz zu brauchen, für das sie mit ihrem Körper bezahlen würde, an Soldaten heran. Ihr "Trick" (sie braucht natürlich gar kein Holz!) geht auf und sogleich "litt die großherzige Frau nicht mehr an Einsamkeit. Die Soldaten gaben sich bei ihr die Klinke in die Hand, und viele halfen bei den Haus- und Hofarbeiten." (S. 53)

Dass Beischlaf allerdings nicht immer glücklich macht, mag folgende Entjungferungsszene zeigen: "Ein befreiender Schmerz war das einzige, das sie neben dem Gefühl, zum ersten Mal etwas Eigenständiges zugelassen zu haben, verspürte. Sie fühlte sich ihm untertan, wurde sich aber gleichzeitig ihrer möglichen Stärke bewußt. Ich kann mich einsetzen, ohne jemandem ausgeliefert zu werden, dachte sie, als sich die Entspannung von seinem Körper auch auf sie übertrug. Es war eine Erkenntnis, die sie nie mehr missen wollte, [...]. Das Erlebnis war aber nicht so beeindruckend, daß sie es sofort wiederholen wollte." (S. 77)

Neben diesen kruden Schilderungen irritiert auch Raceks Hang zur "gewählten" Ausdrucksweise. Menschen trinken nicht, sondern "widmen sich verstärkt dem Alkohol", Franz Kreps desertiert nicht einfach, er beschließt "der Front den Rücken zu kehren und damit sein Engagement in der Kriegsmaschinerie ein für allemal zu beenden."
Interessant ist auch das Bemühen des Autors, sämtliche wohlhabende Figuren als sozial denkende Menschen auszuweisen. Nicht nur Franz und sein Vater bestechen durch soziales Engagement, auch der adelige Vater von Franz erster Frau hat "in seinem Wirkungskreis viel zur Überbrückung der sozialen Kluft zwischen der besitzenden und der mittellosen Schicht getan [...]". Müßig zu erwähnen, dass das Betriebsklima in der Firma des Vaters von Franz zweiter Frau "dank des sozialen Denkens des Inhabers äußerst familiär" war .
Franz und die Seinen - der Epilog deutet an, dass die Figuren des Romans "realen" Menschen nachempfunden sind, - haben also nicht nur (zu) viel erlebt, sondern - im Gegensatz zu ihren (kommunistischen) Widersachern - auch das Herz am rechten Fleck. An ihrer Rechtschaffenheit mögen sich diejenigen Leser erfreuen, die flächig erzählte Biographien im historischen Kontext mögen und über manche Plattheiten generös hinwegsehen können.

Barbara Angelberger
3. Oktober 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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