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Erwin Riess: Der letzte Wunsch des Don Pasquale.

Roman.
Salzburg, Wien: Otto Müller-Verlag, 2006.
392 S.; geb.; Eur 22,-.
ISBN 3-7013-1120-X.

Link zur Leseprobe

Groll ist ein Abenteurer, und ein etwas grantiger dazu, Nomen est Omen. Erwin Riess hat mit dem Rollstuhl fahrenden Journalisten, Dandy und eingeschworenen Fan der Donauschifffahrt, der sich auch hin und wieder als eine Art Privatdetektiv verdingt, eine Figur geschaffen, deren Potential sich nicht in einem Buch erschöpft hat. Nach dem Roman "Giordanos Auftrag", wo Groll einen Pornoring in einem ungarischen Behindertenheim aufdecken sollte, schlägt sich der Eigenbrötler nun mit sizilianischen Mafiosi und österreichischen Neonazis herum. "Der letzte Wunsch des Don Pasquale" heißt der neue Anlass - und der neue Roman von Erwin Riess.

Nach seiner desaströsen Mission in Ungarn begibt sich Groll nun also nach Sizilien, nach Triest und auf mehrere Schiffe und Boote an den italienischen Küsten, ganz im Sinne seiner Leidenschaft für die Schifffahrt, auch wenn es sich diesmal nicht um Binnenschifffahrt handelt.
Sein Auftrag sei viel eher "eine unbedeutende Bitte" zu nennen, heißt es zu Beginn. Der alternde und schwer kranke Don Pasquale möchte seine Enkelin noch einmal sehen. Groll möge sie zu ihm bringen, "entführen", wie er zunächst meint. Denn Angelina sitzt in einem "Institut" in Norditalien, einem modernen Heim für autistische Kinder. Ihr Vater, norditalienischer Polizeipräsident, hat wenig Familiensinn, jedenfalls nicht für seine Familie sizilianischen Ursprungs und autistischer Sprösslinge. Nicht gut fürs Image.

Groll hingegen ist gleich angetan vom Mädchen und "Angelina will nicht, dass jemand wegen ihr traurig ist" - dass sie von sich in der dritten Person spricht, ist eine ihrer Eigenheiten - und gibt sich deshalb äußerst kooperativ. Alles paletti sozusagen. Die Reisevorbereitungen laufen, Groll macht nachgerade Urlaub in Triest wie zuvor schon auf Sizilien, trifft alte und neue Bekannte, während die Katastrophe unaufhaltsam naht, und zwar in Form von Neonazis. Die sind zwar rechte "Würschtel", wie man in Wien so schön sagt. Aber dumm und feig ist auch gefährlich, zumal bei körperlicher Überlegenheit und der Bereitschaft, jene auch ohne Zögern brutal auszunützen. Groll schlägt sich durchaus wacker, trotzdem schauts nicht gut aus mit dem Happy End. Vielleicht hätte unser Held ein bisschen weniger Urlaub machen sollen und sich ein bisschen mehr um das Wesentliche kümmern. Dann wäre ihm die Verfolgungsjagd durch die Adria vielleicht erspart geblieben. Aber Groll ist eben Groll, so wie er im Buche steht. Sonst wärs ja auch nicht spannend.

In "Der letzte Wunsch des Don Pasquale" ist es Erwin Riess noch mehr als in seinem ersten Roman gelungen, seine Figuren lebendig werden zu lassen. Groll, der behäbige Bohemien, der sich's gerne gut gehen lässt und - obwohl der Vergleich bei einem Rollstuhlfahrer hinkt - mit beiden Beinen im Leben steht, es sei denn, es geht um die Binnenschifffahrt, da pflegt er alles andere zu vergessen. Hin und wieder leidet er doch ein wenig an Realtitätsverlust bzw. kommt ihm der Sinn für Größenordnungen abhanden: Er vergleicht sein Handeln nicht ungern mit bekannten militärischen Manövern aus der europäischen Geschichte; der Feldherr befehligt seine Ein-Mann-Armee - dies aber hin und wieder ganz erfolgreich. Kurz: er gibt sich schrullig, aber praktisch. Nicht zuletzt, wenn es um die mangelnde Barrierenfreiheit seiner Umwelt geht, einen Umstand, den er gegen uneinsichtige Architekten mit aller Wortgewalt bekämpft.

Ganz anders der "Dozent", die Verstärkung aus Wien, ein Prototyp des weltfremden Professors, der theoretisierend gar nicht merkt, wenn rund um ihn die Schlachten toben. Und Angelina, ein trotz Autismus aufgewecktes Mädchen, das sehr wohl ihre Umwelt wahrnimmt und zielgerichtet auf sie reagiert. Wesentlich effizienter als der Dozent jedenfalls. Und schließlich Giordano, die graue Eminenz in Amerika, der finanzkräftige Auftraggeber, ebenfalls Rollstuhlfahrer, ein Mann mit Mafiahintergrund und guter Freund von Don Pasquale. Giordano würzt Grolls Bericht mit seinen Kommentaren, die deutlich zeigen: Was wir lesen, was wir hören, ist noch lange nicht die Wahrheit. Es ist lediglich eine mögliche Sichtweise der Welt, eine ganz schön subjektive.

Eine dieser Sichtweisen ist seine Schilderung des Lebens mit einer Behinderung, welches keineswegs nur mit der Hilfe anderer zu bewältigen ist - im Gegenteil, er wird angeheuert, um anderen zu helfen. Erwin Riess erzählt von den praktischen Schwierigkeiten im Alltag (die fast immer aus diversen architektonischen Gegebenheiten resultieren), aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass man imstande ist, ein "ganz normales Leben" zu führen, wenn man nicht gehen kann. Nur: was ist eigentlich ein ganz normales Leben?

Erwin Riess tritt vehement gegen Tabuisierung auf, ebenso wie gegen Mitleidsgesten. Groll braucht kein Mitleid. Er braucht nur eine von künstlichen Barrieren freie Umwelt und hin und wieder einen lukrativen Auftrag. Den Rest schafft er schon alleine. Er ist Hedonist und genießt sein Leben durchaus. Vor allem, wenn die Urlaubskasse stimmt.

 

Sabine Dengscherz
25. Oktober 2006

Originalbeitrag

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