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Gerhard Rühm: MASOCH.

eine rituelle rezitation mit zitaten von sacher-masoch und ignatius von loyola für eine sprecherin, einen sprecher, sprechchor und zwei stumme darsteller.
Graz, Wien: Droschl, 2003.
94S.; brosch.; Eur[A] 25,-.
ISBN 3-85420-636-4.

Link zur Leseprobe

Graz darf alles. Die Kulturhauptstadt 2003 darf ein Festival zu Ehren des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch veranstalten, um einem ihrer "berüchtigten" Autoren zu gedenken. Graz darf auch Aufträge erteilen und betraut Gerhard Rühm damit, einen Beitrag für die Veranstaltungen rund um Sacher-Masoch zu schreiben. Der Text oder vielmehr die Partitur des szenischen Sprechoratoriums ist nun beim Grazer Droschl Verlag erschienen und wird in gedruckter Form die "Masomania" über das Jahr 2003 hinaus überleben.

In den Grazer Archiven wird Rühms "MASOCH" wohl seinen Platz finden. Denn das Buch ist vor allem eines: ein Dokument. Es legt recht aufschlussreich Rühms Arbeitsweise als experimenteller Sprach- und Tonkünstler offen, indem es nicht nur detaillierte Inszenierungshinweise für die Aufführung liefert, sondern das textliche Rohmaterial wie ein Arbeitsblatt des Autors neben die rhythmisch und phonetisch bearbeitete Fassung des Sprechstückes stellt. Die Lust am Lesen kommt dabei allerdings auf weiten Strecken zu kurz. Denn das Abenteuer im Kopf hört bereits dort auf, wo der Autor in bevormundender Weise die Anleitungen zum richtigen Lesen und Verstehen des Textes mitliefert. Rühms Vorgaben in Bezug auf Rhythmus und Klang des verwendeten Sprachmaterials verstellen den sinnlichen Zugang zur Sprache. Das Korsett, in das der Text gesteckt wurde, scheint viel zu eng geschnürt. Nur dem masochistischen Leser mag es gefallen, sich durch Rühms Textanweisungen bezichtigen zu lassen und im rituellen Nachvollzug seiner Vorgaben gleichsam im Leiden den Genuss zu suchen.

"leben ist leiden, der genuss ein momentanes aufhören des leidens, das aber stets nur zu neuen qualen führt." Mit diesem Zitat aus Sacher-Masochs "Venus im Pelz" leitet Rühm sein Sprechstück ein und gibt damit auf unmissverständliche Weise das Thema und den intertextuellen Bezug seiner Arbeit vor. Im Zentrum des Stückes kann nur der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch stehen. Von ihm und seiner leidvollen Beziehung zu seiner Frau Wanda versucht Rühm nun anhand von biografischen Schlaglichtern ein "anekdotisches psychogramm" zu zeichnen, wobei ihm vor allem Wandas Lebensbeichte sowie Kindheitserinnerungen von Leopold als Grundlage seiner Textmontage dienen.

Dazwischen tauchen Berichte und Exerzitien des Pilgers Ignatius von Loyola auf, den Rühm als Gegenfigur zu Sacher-Masoch positioniert. Dabei drängt sich die Frage auf, was denn Sacher-Masoch, nach dem der sexualpathologische Terminus "Masochismus" geprägt wurde, und Ignatius von Loyola, den Begründer des Jesuitenordens, wohl verbindet. Nicht viel, und doch finden sich interessante Parallelen in ihren Lebens- und Leidenswegen. Denn schließlich sind sie beide in einem sklavischen Verhalten auf ihre jeweils angebetete Herrin fixiert. Herrscht bei Leopold die strafend distanzierte "Venus im Pelz" auf Erden, so thront für Ignatius die Schutzmantelmadonna im Himmel.

Durch die Gegenüberstellung der beiden Figuren entsteht ein durchaus dramatischer Spannungsbogen zwischen Profanem und Sakralem, den Rühm durch seine Textverschränkungen aufrecht zu erhalten weiß. Wenn er allerdings durch Verwendung von phonetischem Sprachmaterial, nämlich Anagrammen und Zungenreden aus dem Pfingstwunder, die montierten Episoden artifiziell zu vertiefen versucht, hört sich jegliche Spannung auf. Auch die theatralen Aspekte, die Rühm durch Einbeziehung zweier stummer Figuren erzielen möchte, verfehlen ihre Wirkung durch allzu plakative Bilder, bei denen allein stereotype Allgemeinplätze abgerufen werden: Zum Schluss kniet ein Mann in grauem Umhang vor einer Treppe, darf nach jedem Abschnitt des Sühnegebets eine Stufe höher, bis er die letzte Stufe erklimmt und die Herrin, in bildlicher Imitation der Schutzmantelmadonna, ihren Pelzmantel öffnet. Natürlich ist sie darunter nackt. Rühm enthält uns da nichts vor. Und auch der Mann darf noch seine Hüllen fallen lassen, um schließlich von der Herrin schützend in den Mantel gehüllt zu werden. Die körperliche Verschränkung ist perfekt, doch platter geht es wohl nicht mehr. Da wartet man dann nur mehr auf den erlösenden Schlussschrei des Chores und schreit am besten einfach mit. Hier endet das Leiden. Doch wo bleibt der Genuss?

Stefan Krammer
3. Oktober 2003

Originalbeitrag

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