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Manfred Rumpl: Zirkusgasse.

Leipzig: Reclam, 2001.
238 S., geb., EUR 19.90.
ISBN 3-379-00774-9.

Link zur Leseprobe

Bei einem guten Teil der Rezensenten ist Manfred Rumpls romantischer Großstadtroman "Zirkusgasse" nicht besonders gut angekommen. Die "Neue Züricher Zeitung" sieht nur Klischees und Allgemeinplätze, die "Frankfurter Allgemeine" ärgert sich, daß es in dem Roman "keine moralischen Grauzonen" gibt, und so manches klingt, als ob hier jemand Klassenbester in "Political Correctness" werden wollte.
Das stimmt zwar alles, aber trotzdem ist "Zirkusgasse" ein überaus sympathisches Buch geworden. "Zirkusgasse" liest sich wie ein Kinderbuch, das die Hoffnung nicht aufgibt, obwohl es in einer bösen Erwachsenenwelt angesiedelt ist. Es erzählt von einem, der auszieht, die Welt und die Sexualität zu erobern. Klassische Pubertätsthemen also, die Hauptfigur Franz Maria Graf allerdings erst leicht verspätet (er ist immerhin schon 35 Jahre alt) ausleben kann. Seine tyrannischen und durch die Bank entwicklungshemmenden Eltern sind durch einen Unfall ums Leben gekommen. Endlich ist Franz frei, finanziell ist für ihn vorerst durch die Lebensversicherung der Eltern gesorgt. Ein Scheintoter erwacht zum Leben: Er macht sich auf nach Wien, zieht in ein baufälliges Haus im zweiten Bezirtk, in eben jener Zirkusgasse, die es wirklich gibt - wie übrigens auch das Varieté-Etablissement Renz, von dem die Rede ist. "Jetzt zieht er in ein Haus ein, in das Mutter keinen Fuß gesetzt hätte, in einem Viertel, wo sie nur Kleineleute, Proleten und verdächtige Subjekte gesehen hätte: Tagediebe, Arbeiter, Ausländer, Juden und Huren." Franz freut das natürlich.

Wie muß man sich diesen Franz vorstellen? Also äußerlich nicht gerade sehr beweglich, er wiegt beinah hundertvierzig Kilo, die er sich in seiner Langzeitdepression bei den Eltern angefressen hat. Innerlich ist Franz ein herzensguter und neugieriger Mensch, der nicht so schnell aus der Fassung zu bringen ist, auch wenn alle bekannten Kategorien zu schwanken beginnen. Eine Hausbewohnerin hat es ihm gleich angetan, die große, freche Bella Star und deren "frivole Augen mit Pupillen, die in Honig zu schwimmen scheinen". Als sie im Bett landen, passiert zwar etwas überraschendes, aber "Er zuckt nicht zurück, als er sie zwischen den Beinen streichelt und dabei einen Schwanz zu fassen bekommt, der schnell groß und hart wird in seinen Händen". Nach und nach lernen wir den bunten Haufen des Hauses kennen, aus dem die Mieter aus Spekulationsgründen vertrieben werden sollen. Da wohnt ein alter jüdischer Herr, der alle Angehörigen während des Holocaust verloren hat, ein türkisches Mädchen samt ihrem Vater, der ein "Verfechter der islamistischen Aufklärung" ist, eine Schwulen-WG, und ein faschistischer Offizier mit Hund Hasso, die beide für schlechte Stimmung sorgen. Gewalttätige Übergriffe üben Druck auf die Mieter aus, im Hintergrund die Stimmung des Nato-Bombardements auf Jugoslawien. In dazwischen geschnittenen Rückblenden erfahren wir die Vorgeschichte von Franz, wie ihn Eltern und Ärzte immer mehr lebensunfähig gemacht haben, er sich verliebt hat, in Zora, eine Studentin aus Belgrad. Eine Intrige der Mutter bringt die beiden auseinander, Franz schneidet sich die Pulsadern auf. Jahre später, in der Zirkusgasse, trifft er Zora wieder.

Man merkt schon beim Inhalt, daß "Zirkusgasse" ein wenig überladen ist. Es kommt viel zusammen, was wohl übertrieben gut gemeint ist. Eine Künstlergeschichte ist auch enthalten: Franz sollte Schriftsteller werden, so wollte es der ehrgeizige Vater, der selbst einmal geschrieben hat. Zu Hause ist für Franz nichts daraus geworden, in der Zirkusgasse läßt es sich nicht schlecht an. Trotz dem Überangebot und dem naiven Ton, der das Buch durchzieht, bleibt das meiste angenehm in der Schwebe. Und es ist bei weitem nicht so, daß sich die Probleme von Franz wie von selbst in Luft auflösen. Bella und er verlieren sich, ums Haus steht es schlecht, vielleicht wird alles gut. Aber nur vielleicht. "Zirkusgasse" erzählt die Geschichte von einem, der auszieht, sein Glück in einer Welt zu finden, die gar nicht viel Glück bereit hält. Aber schlimmer als bei den Eltern kann es für Franz nirgends werden.

 

Karin Cerny
29. April 2002

Originalbeitrag

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