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Christoph Ransmayr: Der Ungeborene oder Die Himmelsareale des Anselm Kiefer.

Frankfurt / M.: S. Fischer, 2002.
31 S., geb.; EUR 10.-.
ISBN 3-10-062925-6.

Link zur Leseprobe

Eigentlich ist es ja gar kein richtiger Ransmayr, so signalisiert uns der Umfang. Aber dann ist es doch wieder ein richtiger Ransmayr, so merken wir schon nach wenigen Seiten. Eben unverwechselbarer Ransmayr-Stil. "Der Ungeborene oder Die Himmelsareale des Anselm Kiefer", ein dünnes Bändchen im Frankfurter Fischer-Verlag erschienen, zeichnet ein einfühlsames Porträt des Künstlers, das, ohne jemals geschwätzig zu werden, über seinen Autor ebenso viel aussagt wie über den Porträtierten.

Im Spätsommer 2000 ist Christoph Ransmayr einer Einladung Anselm Kiefers gefolgt und hat ihn auf La Ribaute in Südfrankreich besucht. La Ribaute, eine stillgelegte Seidenfabrik, "die für unseren Gastgeber im vergangenen Jahrzehnt eher Bastion und Zuflucht als Residenz geworden ist." La Ribaute, "gläserne Kolonie der Kunst", die den Autor viele der Namen wiederfinden lässt, mit denen Kiefer im Laufe der Zeit bedacht wurde: Meister aus Deutschland, Maler und Bildhauer der Barbarei, Admiral bleierner Flotten und Geschwader, Missionar der Vergänglichkeit ... und auf einem nächtlichen Spaziergang mit dem Künstler hat er ihn auch mit einem neuen bedacht: Der Ungeborene.

Anselm Kiefer, 1945 in Donaueschingen geboren, hat sich nach Studien an Kunstakademien in Freiburg, Karlsruhe und Düsseldorf auf eigenwillige und ironische Weise mit dem 20. Jahrhundert auseinandergesetzt. Er sparte dabei auch heikle Themen nicht aus, stellte das angeblich Undarstellbare dar. In den 70er und 80er Jahren spürte er den historischen Wurzeln des Faschismus nach, und beschäftigte sich mit der Rolle, die deutsche Philosophie, Dichtung, Architektur und Musik in der Nazi-Propaganda gespielt hatten. Aber nicht nur deutscher Geschichte galt seine Aufmerksamkeit, sondern ebenso jener des Altertums, vor allem in Ägypten und Palästina.

1991, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, verließ er sein Geburtsland und zog durch Nordafrika und Mexiko, lebte in New York und später im Süden Frankreichs. Während seiner Wanderjahre fand er weitere künstlerische Inspiration sowie einen neuen Umgang mit Symbolik und Materialien - und gelangte zu Weltruhm. Meist haftet etwas Dunkles, Morbides seinen Werken an. Und er kommt nie ganz zur Ruhe.

"Er sei, sagt unser Gastgeber, nach einer vollendeten Arbeit froh, manchmal froh, aber nie, niemals! zufrieden, sondern er müsse gleich weiter, immer weiter wie jeder, der noch nicht angekommen, ja vielleicht noch nicht einmal ganz zur Welt gebracht sei; immer weiter." Ja, der Ungeborene. Als dieser präsentiert er sich Christoph Ransmayr am Ende des Spaziergangs, als sie das Ziel erreicht haben, die Halle mit den fünfzehn bis zur Dachkonstruktion aufragenden Himmelsarealen, einem "überwältigenden Kunstwerk, das uns ins Innere der Lurianischen Kabbala versetzt, ins Herz jener mythischen Katastrophe, in deren Verlauf die Gefäße des göttlichen Lichts zerbrachen und alles Licht zu Funkenschwärmen zerstob und nun als bloße Reflexion, gefangen in den Scherben des Unheils, darauf wartet, wieder zur strahlenden Quelle, zum Ursprung befreit zu werden."

Ransmayr ist in seinem Element. Und das genaugenommen von Anfang an, als der Spaziergang sie durch die Wildnis führt, über Moos und schwarzes Laub, das die Schritte dämpft, und dann über die Erdstraße, Lehmbrocken, Steine und Sand, Geröll, auf dem man selbst die Hunde laufen hört. Rottweiler, die der offenbar seelenverwandte Gast getauft haben könnte, auf Castor und Pollux.

 

Sabine Selzer
7. November 2002

Originalbeitrag

 

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