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Elisabeth Vera Rathenböck: Marathon.

Novelle.
Wels: Edition Pangloss, 2001.
ISBN 3 901132 22 8.

Link zur Leseprobe

Seit Alain Robbe-Grillet wurde oft auf literarischem Beobachtungsposten in die Jalousie gegriffen, um die Lamellen zu spreizen. Vor kurzem hat es die Linzer Autorin Elisabeth Vera Rathenböck getan, und sie hat es gut gemacht. Ihre Novelle "Marathon" ist eine literarische Versuchsanordnung mit drei Personen. Ort der Handlung ist New York im Jahr 1980, und die Personen sind: 1.) Der Erzähler: ein Pilot und Vietnam-Veteran, der sich als Biograf versucht und eine Wohnung am Central Park bezogen hat, um "Jealous Guy" John Lennon (Person Nr. 2) im Dakota Building beobachten zu können. Wenn er - die Jalousie spreizend - aus seinem Fenster blickt, beobachtet er auch regelmäßig eine Läuferin, die durch den Central Park joggt (Person Nummer 3).

Nun zeichnet sich der Nouveau Roman per definitionem unter anderem dadurch aus, dass er die Dinge in einen eigenen, realitätsunabhängigen Kosmos stellt und eher distanziert betrachtet. So auch bei Rathenböck. Ihr Thema, so erklärt die Autorin im Nachwort, sei die Beschreibung mehrerer "Prinzipien der Übertragungen von Identitäten auf verschiedene Ideale [...] im Spannungsfeld zwischen Selbstfindung und Idolisierung." Im Buch klingt dieses Thema in einfacheren Worten an: "Er ist in alle hineingekrochen, denkt er. Alle sahen aus wie ... John. Lange Haare, Nickelbrillen. Aßen Schokoriegel für zehn Cent und tranken Coca Cola. Aber wenn alle so wie einer waren, warum war einer nicht wie alle?"

Der Biograf will diese offene Frage beantworten, indem er sich dem Idol schreibend nähert. Dabei kommt es zu einer Doppelung und Spiegelung. Der Biograf wird wie John, aber auch John verfolgt den Biografen auf seinen Wegen durch die Stadt. Oder anders: Der Durchschnittsmensch orientiert sich am Idol, das Idol am Durchschnitt. Und manchmal fallen sie in eins. "Plötzlich sagt John: Ich, und der Biograf sagt: Ich. Sie haben es gleichzeitig gesagt. Sie erschrecken darüber und ... schweigen."

Rathenböck schreibt eine in der Wortwahl nüchterne, im Duktus aber traumwandlerisch kreisende Prosa, in der beispielsweise Emotionen nur in ihren körperlichen Auswirkungen zur Sprache gebracht werden. Am auffälligsten an Rathenböcks Sätzen sind die drei Punkte, mit denen sie in beinahe jedem Absatz immer wieder auf eine Leerstelle, ein Kippen, ein Atemanhalten hinweist. Diese wiederkehrenden Punkte sind wie Knoten in einem Netz, durch das die drei Figuren miteinander verbunden sind.
Erst relativ spät kommt als dritte Hauptfigur die Läuferin im Dialog mit dem Biografen selbst zu Wort, um ebenfalls eine symbolgeladene Position einzunehmen. Von John Lennon fürs Laufen bezahlt, vom Erzähler beobachtet, verkörpert sie gewissermaßen das Realitätsprinzip. Sie ist die Lebens-Läuferin. "Ich laufe der Zeit davon, die durch meinen Körper kriecht."

Unterdessen steuert der Biograf auf den "Nullpunkt" zu, dem sich die Zeit nähert. In seinem Fall ist das auch die Lösung der Bindung an sein Idol. Sie erfolgt durch Johns Tod am 8. Dezember 1980. Für die Autorin war dieser Tag - wie auch, nebenbei bemerkt, für den Rezensenten - eines der einschneidenden Erlebnisse der frühen Jugend, also der eigenen Entwicklung. Man kann sich an die Zeitungsmeldungen erinnern, an die Bilder der Massen, die nach John Lennons Tod im Central Park zusammengekommen sind. Vera Rathenböck entwickelt ihre eigene Sicht der Dinge und zeichnet, unabhängig von der medialen Bildmaschine, ein kräftiges eigenes Bild: "Geschrei hebt vor dem Dakota an. Neben der Limousine. Ein paar Minuten später Rettungsautos mit wirbelnden Lichtern, Sanitäter springen heraus, beugen sich zu einem, der am Boden liegt."

Damit ist der Bann der Bindung zwischen dem Erzähler und John Lennon gebrochen. Der Erzähler packt das Gewehr ein, mit dem er zur selben Zeit, als Lennon ermordet wurde, die Läuferin erschossen hat, und packt seine Koffer, um einen Pilotenjob zur Ungeziefervernichtung in den Wäldern Brasiliens anzutreten. Selbstfindung ist in der Tat ein seltsamer Vorgang.

 

Werner Schandor
18. März 2002

Originalbeitrag

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