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Lenka Reinerová: Zu Hause in Prag - manchmal auch anderswo.

Erzählungen.
Berlin: Aufbau, Berlin 2000.
188 S., geb.; DM 29,90.
ISBN 3-351-02387-1.

Link zur Leseprobe

Sie könnte Virginia heißen, die Frau, die auf den Stufen sitzt und auf Almosen wartet. Virginia, so wie Virginia Woolf, der sie ein wenig ähnlich sieht. Sie hat offenbar mit dem Leben bereits abgeschlossen, keine Perspektiven mehr, keine Kraft, keine Wünsche oder Ziele. Sie schenkt der Welt um sich wenig Aufmerksamkeit, und die Passanten beachten sie ihrerseits kaum. Die meisten jedenfalls.

Für Lenka Reinerová aber wird sie zur imaginären Zuhörerin. Auf einem Spaziergang durch London ist der Anblick der obdachlosen Frau nämlich der Anlass für sie, sich an die Stationen ihres eigenen Lebens zu erinnern. Und vor allem an das, was der armen Virginia eben fehlt: die eigenen vier Wände, das Zuhause.

"Zu Hause in Prag. Manchmal auch anderswo" schöpft aus dem Erfahrungsreichtum eines bewegten Lebens, das Vertreibung, Flucht und Exil kennengelernt hat, doch es wird erzählt, ohne zu klagen. Lenka Reinerová verliert nicht die aus den Augen, denen es noch schlechter geht, auch und vor allem, weil sie sich aufgegeben haben. Die obdachlose Virginia steht pars pro toto für das Elend in der westlichen Welt.

Reinerovás Erinnerungen nehmen ihren Anfang in Prag, das sie 1939 auf der Flucht vor den Nazis verlassen muss. Sie landet erst in Paris, von wo sie über Marseille und Casablanca nach Mexiko emigriert. Naturgemäß ist der Weg gesäumt von Schwierigkeiten, Unannehmlichkeiten und unfreiwilligen Abenteuern, ja sogar von Gefängnis- und Lageraufenthalten.

Aber sie schildert auch viele positive Begebenheiten, Begegnungen mit guten Freunden, denen man im Exil unweigerlich noch ein bisschen näher rückt, Bekanntschaften mit hilfsbereiten Menschen, die sie nicht im Stich lassen, auf die in größter Not Verlass ist. Es sind dies autobiographische Schilderungen einer Frau, mit der es das Schicksal durchaus nicht immer gut gemeint, die aber viel Kraft und Mut bewiesen hat, um damit fertigzuwerden.

Die heute 84jährige verrät uns im zweiten Teil des Bandes auch, was ihr dabei geholfen hat. Sie nennt es ihren Hausengel. Das hat nun nichts mit Religion zu tun oder mit Aberglaube sondern eher mit Selbstbewußtsein und positivem Denken: "Mein Hausengel steckt in mir, ist mein Unruhegeist und der geduldige Zubringer guten Mutes. Auch in Lagen, die weder banal und schon gar nicht hoffnungsvoll sind."

Und dieser Hausengel wird nun zum literarischen Kitt der einzelnen Teile des Buches. Es folgen nämlich zwei - diesmal fiktive - Erzählungen, die untermalen sollen, was sie damit meint. Es sind Begebenheiten, die sie vor Jahren festgehalten hat und die ihr jetzt im Zusammenhang mit ihrem guten Geist wieder in den Sinn kommen.

Es sind Geschichten, die von den guten Seiten der Menschen berichten.
Einmal ist es ein Exilant in Marseille, der auf eine Möglichkeit zur Überfahrt nach Amerika wartet und durch die Begegnung mit Mitgliedern einer Untergrundorganisation in seinem Leben einen neuen Sinn findet, dann ist es eine ältere Dame in einem Kurort, die durch ihre Freundlichkeit und Aufmerksamkeit einem mißgestalteten Mann ein wenig Druck von der Seele nehmen kann.

Die Erzählungen sind gut geschrieben und spannend, aber leider triefen sie schon ein wenig vor Güte und Menschenfreundlichkeit, und die Botschaft des positiv Denkens ist ihnen gar zu deutlich auf den Leib geschrieben. Nur ist Lenka Reinerová eine Autorin, der man das verzeihen kann. Sie erweckt trotzdem nicht den Eindruck esoterischer Weltverbesserei oder predigthafter Bekehrungsversuche. Es ist vielmehr eine Frau, die mit der Milde des Alters auf ihr Leben und ihre Erfahrungen zurückblickt, und das macht sie und ihr Buch sehr sympathisch.

Sabine E. Selzer
9. August 2000

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