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Robert Schindel: Mein mausklickendes Saeculum.

Gedichte.
Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2008.
103 S.; gebunden; Eur[A] 18,30.
ISBN 978-3-518-42024-9.

Link zur Leseprobe

Es "schwurbelt" und "ritscht" und "stößelt" in Schindels jüngsten Gedichten, denen – gewirkt aus einem fremdartigen, zugleich bekannten Idiom – selbst unter Zuhilfenahme des Glossars im Anhang nicht immer beizukommen ist.

Inmitten von "Sehngeäder" und "Zeitquappen" steigt eine Lyrik auf, die auf frischem, unlexikalisiertem Boden Grenzen des Mitteilbaren auslotet und den Rezipienten schonungslos in diesen Schwindel erregenden Mahlstrom jiddischer, wienerischer, österreichischer Begriffe zieht. Dabei weitet Schindel sein Vokabular nicht nur horizontal aus, sondern fördert brauchbares Wortmaterial quer durch die Register zutage.

Auf den ersten Blick muss man Schindels Lyrik wohl ex negativo beschreiben: Sie ist nicht lieblich, nicht anschmiegsam, nicht anrührend. Gleich zu Beginn lässt der Dichter wohlweislich die Abendsonne in den von Nelly Sachs als Motto entlehnten Versen untergehen, gleichsam um uns zu bedeuten, dass er an diese etwas pathetische, romantisch gefärbte Tradition nicht anknüpft.

Die skurrile, oft saloppe Pose verhehlt indes kaum ihren ganz und gar unlustigen Kern. Wer so lässig hindichtet "Aber ich bin mit Zweiundsechzig/Wahrlich ein Frühlingskind", vermag die drängende Erinnerung an die Shoah schwerlich zu unterdrücken. Und so irrlichtern Bilder oder subtile Anspielungen durch diese Dichtung und offenbaren das unruhige Sein eines Nachgeborenen.

Der lyrische Cocktail aus Wein und Blut, der, um es trivial zu sagen, gar trefflich die österreichische Seele beschreibt, zelebriert freilich auch die Lust am Dasein, deren Insignien, dem Glaserl Roten oder der Wiener Melange, das lyrische Ich je und je zu ihrem Recht verhilft.

Ob auf Lesereise, im Gasthaus oder im Café, noch ist diese schrecklich-schöne Welt nicht verloren, und nicht einmal vom langsamen physischen Verfall lässt sich Schindel einschüchtern, schreibt er doch beherzt: "Weil ich an meine Zukunft denke/Die prächtigste. Selig/Beim Absterben. Schwierig/Im Zusammenhang."

Wären da nicht diese hier nicht kommentierbaren biografischen Zusammenhänge, man möchte meinen, so mancher Vers hätte sich als Verbündeten gegen den Tod das Wiener Lied auserkoren, wie etwa in dem tiefernsten Gedicht "Stille", wo uns der Dichter folgende Weisheit mit auf den Weg gibt: "Lebt wohl, schlaft gut, wacht auf, seid fesch/Und trinkt auf mich."

Mein mausklickendes Saeculum hat geschafft, woran Celan gescheitert ist: eine "Wendefuge", eine Möglichkeit, mit den in "Schwierige Zeiten" beschworenen Finsternissen fertigzuwerden. Der Blick – nicht nur zurück – bleibt dabei illusionslos: "Heraufkommen die neuen Barbareien/Unerkannt und geliebt."

Schindels experimentierfreudige Leib- und Lustpoesie betört auf seltsame Weise, entführt in eine lyrische Landschaft, ja Grenzlandschaft, die ihresgleichen in Österreich nicht hat und von daher unbedingt besucht werden sollte.

 

Walter Wagner
3. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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