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Michael Stavaric: Nkaah. Experimente am lebenden Objekt.

Idstein: kookbooks 2008.
(kookbooks Reihe Prosa, Band 10)
120 Seiten, Eur 19,50.
ISBN 978-3-937445-28-1.

Link zur Leseprobe

Die Kindheit zum ausschließen Thema eines Textes zu machen ist ein risikoreiches Unterfangen. Michael Stavaric tuts in seinem neuesten Buch – und der Text überrascht, kein Wunder, noch mehr als seine zwei Vorgänger "Stillborn" und "Terminifera". "Nkaah" – der Titel als bester Vorgeschmack auf das, was den Leser erwartet – ist zunächst einmal durch seine graphische Gestaltung so ansprechend wie auffällig. Eine großzügige Illustration erstreckt sich über das vordere und hintere Cover samt Klappen, dazu kommen vier ebenso illustrierte halbtransparente Seiten in Orange. Zu sehen sind hier zentrale Elemente des Textes: ein Astronaut, ein altertümliches Schiff, zwei riesige Urzeitfische, einige Fantasiewesen, ein Vulkan, Wolken, ein raketenähnliches Gebilde und seltsamerweise einige Wasserbecken und Rohre. Alles ist in Rot bzw. Orange gehalten – warum, wird im Text klar.

"Experimente am lebenden Objekt" – so der Untertitel – präsentiert sich als eine Reihe von Kurzprosastücken, kaum länger als eine halbe Seite, die allerdings in einer gewissen chronologischen Reihenfolge und in einem Sinnzusammenhang stehen. Fast alle sieben Kapitel tragen den Namen ihres jeweiligen Protagonisten. Der Text – sowohl als Ganzes als auch in seinen Einzelteilen – ist eine Kindheitsphantasie oder auch eine Phantasie über die Kindheit. Nach und nach werden Daten und Stationen einer Kindheit – der Leser wird, wie immer, gegen jedes bessere Wissen das erzählende Ich als das Ich des Autors empfinden – eher lakonisch bekannt gegeben, allmählich ergeben die Einzelheiten eine Geschichte.
Das Kind bleibt wie bereits in früheren Texten vorerst geschlechtslos, wenn man auch eher – siehe oben – einen Buben vermutet, was sich in den späteren Kapiteln bestätigt. Für zusätzliche Verwirrung sorgt auch die baldige Einführung der Figur Nkaah: er (bzw. sie oder es), ebenfalls ursprünglich geschlechtslos, wird zur absoluten Identifikationsfigur des Kindes, sodass seine Erlebnisse als Nkaahs Erlebnisse daherkommen. Die wenigen realen Fakten der Kindheit lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen: der Protagonist wächst offensichtlich mit Mutter und Großmutter in einem Dorf auf, in einer Gegend mit langen Wintern, entdeckt mit dem Schuleintritt das Lesen, was seine Fantasie beflügelt.
Irgendwann – auch an einem Wintertag – wird die Flucht mit der Mutter über die Grenze angedeutet. Dies ist die erste der Reisen, die – ähnlich wie die Farbe Rot – leitmotivisch im Text auftauchen und deren Notwendigkeit und Wichtigkeit das erzählende Ich immer wieder betont. Einige Kapitel später erlebt der mittlerweile jugendliche Protagonist, ohne eine Grenze zwischen sich selbst und Nkaah zu ziehen, die erste Liebe mit einem Mädchen Namens Lola. Dazwischen allerdings schlüpft er in andere Figuren, offensichtlich Idole der Kindheit, hinein: den Astronauten Armstrong und den Seefahrer Vasco da Gama (dessen Namen er besonders mag!) oder Phantasiefiguren wie Ahab und Dzar.

Die Schauplätze all der rätselhaften, mystischen Ereignisse, die den Figuren widerfahren, sind – genauso wie die Zeiträume, in denen sie sich abspielen – eine unauflösbare Mischung aus Phantasie und Realität, aus (längst vergangener) Vergangenheit und Gegenwart. Der kindliche Ich-Erzähler lebt genauso in einer mehr oder weniger zeitgenössischen Welt wie er auch in der Urzeit zuhause ist – ein typisches Verfahren der Kinder- und Jugendliteratur, und bei Weitem nicht das einzige. Stavaric, selbst Autor zweier Kinderbücher, fügt im Anhang, in dem er zum wiederholten Male versucht, Nkaah zu definieren und zu beschreiben, eine an Poesiealben angelehnte Charakterisierung nach Schülerart an: "Es [Nkaah] liebte Morgenstunden, Nebelbänke, Grauburgunder, Fischreiher, Häuserzeilen, Feldfrüchte, Süßholz, Stoffmuster, Herbstzeitlose, Tom & Jerry, Marktnischen, Hüttenzauber, Geysire, Geishas, Pasta mit Tomatensauce und Automatenanthologien". Aus solchen und ähnlichen Passagen wird nebenbei auch klar, dass Nkaah von Anfang an Kind und Erwachsener zugleich ist und großes Interesse für die ästhetische Seite der Wörter hegt. Die anderen Identifikationsfiguren des Kindes, egal ob realen Figuren nachempfunden oder erfunden, legen stets ein erwachsenes Verhalten an den Tag, Lola hingegen, das einzige Mädchen, ist im Teenager-Alter.

Die Gedanken, die in diesem aüßerst merkwürdigen, immer geheimnisvollen, zwischen Legende, Geschichte, Science-Fiction und Tagebuch changierenden Text transportiert werden, lassen sich schwer in einem Satz zusammenfassen. Von der Entstehung der Welt ist hier die Rede, von der Urzeit, der Natur und der Wissenschaft, von Gott und Religiosität, vom Außenseitertum und Ausgestoßensein – und immer wieder von der Farbe Rot (es sei die erste Farbe, die ein Neugeborener wahrnehmen kann.) Besondere Bedeutung kommt allerdings dem Reisen und dem Lesen als Abenteuer und als zentrales Erlebnis in der kindlichen Entwicklung zu. Auch die Sprache und das Experimentieren damit stehen wiederholt im Mittelpunkt der Betrachtung; eine Seite ist sogar zur Gänze in einer an skandinavische Sprachen erinnernden Kunstsprache verfasst. Das eigentliche Thema von "Nkaah" ist aber letztendlich die Kindheit und die Jugend selbst, es sind die Stationen der Entwicklung eines Menschen, die zentralen Momente des Erwachsenwerdens, die Brüchigkeit der erotischen Liebe, die Nähe von Liebe und Tod, auch die Vergänglichkeit der Kindheit durch Vergessen, der Verlust der Geborgenheit als Preis für die Selbstständigkeit.

Teile von "Nkaah. Experimente am lebenden Objekt" sind schon 2003 entstanden und brachten Stavaric im selben Jahr den Literaturpreis der Akademie Graz ein. Das fraglos eigentümliche Stück Prosa lebt in erster Linie von seiner Form. Der Autor schafft es, stimmungsvolle, atmosphärische, genau genommen durch und durch lyrische Bilder für das zu schaffen, was er gerade sagen will. Jeder Gedanke, jede Beschreibung, jede Vision findet ihre uneigentliche, metaphorische, ausnahmslos originelle Darstellung; eine rätselhafte Symbolik mischt sich selbst in die banalsten Sachverhalte hinein. Die Vermischung von Realem und Fantastischem, das Spiel mit Belebtem und Unbelebtem, die ständige Verschlüsselung von Konkretem, das Sprechen in Symbolen und Ansätze zum Sprachexperiment lassen interessante und ästhetisch anspruchsvolle Texte entstehen, die eher an Gedichte erinnern als an narrative Formen. Sprachsensible Leser werden ihre Freude mit dem Buch haben. Die Intention von "Nkaah" bleibt indes völlig unklar.

 

Jelena Dabic
9. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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