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Robert Schindel: Der Krieg der Wörter gegen die Kehlkopfschreie.

Das frühe Prosawerk.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2008.
163 S.; geb.; m. Abb.; EUR 19.90.
ISBN 978-3-85218-573-6.

Link zur Leseprobe

Gestern träumte ich vom Tod der Wörter, sage ich.
Carola sieht mich an: So?
Ja, sage ich. Es waren einmal die Wörter, die führten Krieg gegen die Kehlkopfschreie.
(S. 116)

Erzählungen, Nachtstücke und Capriccios sind in diesem neuen Werk Robert Schindels versammelt, frühe Texte aus seinem "Prosastückligeschäft", um es mit einem anderen Sprachakrobaten, mit Robert Walser zu sagen. Wie ein Pianist legt Schindel die Finger auf die Tasten und beginnt zu spielen, launige, spielerische, virtuose Stücke, frei in Form und Rhythmus, bisweilen "laut, lebhaft, feierlich", bisweilen "tragend" oder "schleppend". Keine Meinung, keine Fabel, kein Thema, kein Engagement, nur der "Anarchismus der Kehlkopfschreie". Schindel, der Sprachreisende, setzt an die Stelle des linearen Erzählens das besondere Wort, den Satz, die Satzfolge, den Wechsel der Tonarten und Tempi und die formale Gestaltung.

Seine Wortspiele und Sprachtänze rühren von einer tiefen Skepsis her, gegenüber der sogenannten Wirklichkeit und der ihr scheinbar angemessenen klischierten, verwalteten Sprache. In seinen Texten stellt Schindel die Schreibhandlung über ihre – als unerreichbar erkannte – Vollendung und reflektiert die Stellung des Autors und seine Beziehung zum Schreiben und zur Welt. Schindel strebt nicht nach einem mimetischen Abbild, sondern nach jener Wirklichkeit, die sich gewissermaßen in das Wort verkrochen hat: "Und was wollen Sie? Fragte der Poet. / Verschwinden. Zwischen den Wörtern." Eine Geschichte des Verschwindens will er erzählen. Und muss an ihrem Paradoxon scheitern: "Denn soll sie authentisch sein, muss sie gleichfalls verschwinden."

Für Schindel ist Schreiben daher ein notwendiges dekonstruktivistisches Spiel mit Worten, er selbst ist Spielleiter und Spielfigur zugleich. Die vielstimmigen Texte treiben sowohl mit ihm als auch mit dem Leser ein karnevaleskes, mal humoriges, mal melancholisches Erzählspiel, sie stellen Fallen, maskieren sich, verschwinden "hinter den Ecken" in der "Wirklichkeit (des) Zuhörers und Partiturenentzifferers" und "hocken nun dort, im Geschlecht des Lesers", doch hat es der Poet "doch nicht und nicht derart gemeint." Oder etwa doch?

Schindels Prosa provoziert Misstrauen und Unbehagen, in all seinen poetischen Nachtstückchen lauert etwas Unheimliches, Dunkles, und nicht nur der Leser, auch "der Poet hats bemerkt, so schreibt er es hin: In aller Zeit gibt es Gespenster wie dich."
Gespenster, Nachtschwärmer, Trinker, Harlekine, Verlassene und Verlorene sind es denn auch, die diese Seiten bevölkern. Sie sind die Akteure dieser tragikomischen Schwänke aus den dusteren Ecken Wiens, aus der lethargischen Hitze Spaniens. Sie sind Außenseiter, wie der Dichter, sie bewegen sich am Rande der Gesellschaft, ecken an, provozieren, machen sich schuldig. Denn "das Wahre, Gute und Schöne kann doch nicht unschuldig sein", "Kunst kann nicht diese oder jene Bestätigung des Bestehenden sein." Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Heuchelei, den subtilen Terror der bestehenden Gesellschaftsordnung und der von ihr instrumentalisierten Sprache offenzulegen und zu unterlaufen.

Schindels verfremdete, lustvoll gestaltete Sprache verweigert sich konsequent und erschafft ihre eigene poetische Sprachwirklichkeit: "Die Wirklichkeit splittert sich ab von sich zu sich. Am Ende erkenne ich sie als Fiktion oder als Utopie." Und dort, wo die Geschichte aufhört, da der Poet seinen Text vergessen hat, öffnet sich jenseits des Erzählbaren ein Raum der Freiheit und des Glücks. Denn "der Geist", so zitiert Schindel an einer Stelle Kierkegaard, "ist im Menschen träumend."

 

Martina Wunderer
17. November 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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